Sils Maria, 27.12.2017
Gegenstand dieses Vortrags ist das Projekt VerbaAlpina, das ich gemeinsam mit Stephan Lücke von der ITG leite. Es wird seit 2014 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und wurde hier bereits einmal vorgestellt, als es noch in einem sehr frühen embryonalen Zustand war (vgl. Engadiner_Post). Gegenstand ist die Mehrsprachigkeit des Alpenraums, in dem sich die drei großen europäischen Sprachfamilien, Germanisch, Romanisch und Slawisch getroffen haben und seit ca. 1500 Jahren neben- und miteinander existieren (♦). Die folgende Graphik schematisiert die alpine Sprachgeschichte; konstitutiv sind die Romanisierung des gesamten Gebiets und seine nachfolgende teilweise Germanisierung und Slawisierung. Damit ist zwar stets eine Verdrängung der jeweils früheren Sprachen verbunden, insofern das Lateinisch-Romanische die vorrömischen Sprachen verdrängt und seinerseits in manchen Gebieten durch das Germanische und Slawische verdrängt wird. Aber der Verdrängung geht eine mehr oder weniger lang andauernde lokale Zweisprachigkeit voraus (in der Graphik durch Kugeln symbolisiert), die sich in Entlehnungen aus den verdrängten in die verdrängenden Sprachen niederschlägt. So hat sich die bemerkenswerte Situation ergeben, dass etliche spezifisch alpine Wörter nicht auf eine der drei Sprachfamilien beschränkt sind, sondern über die Grenzen dieser Sprachfamilien hinaus Verbreitung gefunden haben.
