Das Tropaeum Alpium (https://www.wikidata.org/wiki/Q747588; s. H. Philipp, RE 7A,1 [1939], Sp. 661f., s.v. Tropaea Augusti; E. Meyer, RE Suppl. 11 [1968], Sp. 1269, s.v. Tropaeum Alpium) ist ein Siegesmonument, das nach der Niederwerfung der den Alpenraum besiedelnden Barbarenstämme (Feldzug des [späteren Kaisers] Tiberius und des Drusus [dessen jüngerem Bruder] i. J. 15 v. Chr.; Hauptquellen: Cassius Dio 54, 22 und Strabon 4, 6, 6–9; 7, 1, 5) auf Beschluss von Senat und Volk von Rom zu Ehren des Kaisers Augustus bald nach dem Jahr 7/6 v. Chr. (die Beschlussfassung erfolgte laut Inschrift im 17. Jahr seiner Tribunicia potestas, d.h. zwischen dem 26.6.7 und dem 25.6.6 v. Chr.) errichtet worden war. Die Reste des monumentalen, ursprünglich rund 50 Meter hohen, Bauwerks stehen in den französischen Seealpen hoch oberhalb von Monaco bei der Ortschaft La Turbie direkt auf der Passhöhe des Col d'Èze (512 m über dem Meer; Märtin 2017, S. 119).



Rekonstruktion des Tropaeum Alpium im Museum von La Turbie. Auf dem Sockel ist die im Folgenden besprochene Inschrift erkennbar.
(Von Matthias Holländer – Selbst fotografiert, Copyrighted free use, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37407992)


Aus Sicht von VerbaAlpina ist vor allem die monumentale (etwa 20 x 4 Meter) an dem Denkmal angebrachte Inschrift (CIL V 7817 = EDCS-05401067; Foto) von Interesse, die die Namen der damals unterworfenen Stämme auflistet. Diese Inschrift ist nur teilweise erhalten, und die Reste sind überdies in knapp 170 Fragmente zerschlagen. Der vollständige Text ist jedoch vom römischen Schriftsteller Plinius dem Älteren in dessen Naturalis Historia überliefert (Plin. NH 3, 136f.), so dass die Rekonstruktion der fragmentierten Inschrift gelingen konnte.



Die, über weite Strecken rekonstruierte, Inschrift auf dem Sockel des Tropaeum Alpium
(Foto: Stefano Costa https://www.flickr.com/photos/47912543@N00/11358571655/in/pool-1876758@N22, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Reflexe der in der Inschrift genannten Stammesnamen haben sich z.T. bis heute in der Benennung von Orten oder Regionen im Alpenraum erhalten, so dass auch aufgrund dessen in manchen Fällen die Lokalisierung der jeweiligen Siedlungsräume mit einiger Sicherheit angegeben werden kann. Aus Sicht der Sprachwissenschaft können dies im Hinblick auf die Substratforschung wichtige Informationen sein (vgl. Krefeld, Thomas [2018]: Geschichte des romanisch-germanischen Sprachkontakts. Vorlesung dh-lehre. Version 8 [27.08.2018, 17:03]. https://www.dh-lehre.gwi.uni-muenchen.de/?p=53255&lv=8&v=8#p:5).

Die Passage bei Plinius, in der der Text der Inschrift zitiert ist, liest sich wie folgt (Plin. a.a.O.; die Auflösung der Abkürzungen in runden Klammern stammt von mir, Buchstaben[folgen], die nur in der Inschrift am Tropaeum Alpium vorhanden sind, sind unterstrichen; die Zeilenumbrüche sind durch senkrechte Striche angegeben; die Nummerierung in Klammern hinter den Stammesnamen stammt von mir):

(136) Non alienum videtur hoc loco subicere inscriptionem e tropaeo Alpium, quae talis est:

IMP(eratori) · CAESARI DIVI FILIO AVG(usto) | · PONT(ifici) · MAX(imo) · IMP(eratori) · XIIII · TR(ribunicia) · POT(estate) · XVII | · S(enatus) · P(opulus) · Q(ue) · R(omanus) |· QVOD EIVS DVCTV AVSPICIISQVE GENTES ALPINAE OMNES QVAE A MARI SVPERO AD INFERVM PERTINEBANT SVB IMPERIVM P(opuli) · R(omani) · SVNT REDACTAE · | GENTES ALPINAE DEVICTAE TRVMPILINI (1)· CAMVNNI (2) · VENOSTES (3)· VENNONETES (4)· ISARCI (5)· BREVNI (6)· GENAVNES (7)· FOCVNATES (8) · | VINDELICORVM GENTES QVATTVOR (9)· COSVANETES (10)· RVCINATES (11)· LICATES (12)· CATENATES (13)· AMBISONTES (14)· RVGVSCI (15)· SVANETES (16)· CALVCONES (17) · | BRIXENETES (18)· LEPONTI (19)· VBERI (20)· NANTVATES (21)· SEDVNI (22)· VARAGRI (23)· SALASSI (24)· ACITAVONES (25)· MEDVLLI (26)· VCENNI (27)· CATVRIGES (28)· BRIGIANI (29)· | SOGIONTI (30)· BRODIONTI (31)· NEMALONI (32)· EDENATES (33)· VESVBIANI (34)· VEAMINI (35)· GALLITAE (36)· TRIVLLATI (37)· ECDINI (38)· | VERGVNNI (39)· EGVI (40)· TVRI (41)· NEMATVRI (42)· ORATELLI (43)· NERVSI (44)· VELAVNI (45)· SVETRI (46).

(138) Non sunt adiectae Cottianae civitates XV, quae non fuerant hostiles, item adtributae municipiis lege Pompeia.

(ed. C. Mayhoff, Stuttgart [Teubner] 1906; Text der Edition Loeb [zugangsbeschränkt])


Übersetzung:

Es erscheint nicht abwegig, an dieser Stelle die Inschrift vom Tropaeum Alpium anzufügen, die folgendermaßen lautet:
Dem Imperator Caesar, Sohn des Göttlichen, Augustus, Pontifex Maximus, als er 14 Mal die imperatorische Akklamation erhalten hatte und zum 17. Mal die tribunizische Amtsgewalt ausübte, haben der Senat und das römische Volk, weil unter seiner Führung und unter seinem Oberbefehl alle Stämme in den Alpen, die sich vom oberen bis zum unteren Meer erstreckten, unter die Herrschaft des römischen Volkes gebracht worden sind, (dieses Monument errichtet). Die besiegten alpinen Stämme: [Liste der Namen].
Nicht hinzugefügt sind die 15 Gemeinden der Cottier, die nicht feindselig gewesen waren und auch (schon) durch die Lex Pompeia zu den Municipien hinzugefügt worden sind. (Übers. Stephan Lücke)


Plinius dürfte den Text der Inschrift nicht am Monument selbst, sondern vielmehr das originale Schriftstück im Archiv in Rom gesehen haben. Darauf deuten nicht zuletzt die Abweichungen hin, die zwischen dem Text der Inschrift und dem von Plinius überlieferten bestehen.

Mit dem "mare superum" ist die Adria gemeint, "mare inferum" ist das tyrrhenische Meer (s. Georges, s.v. mare; man vergleiche auch die Formulierung von Plinius [NH 3, 133]: verso deinde in Italiam pectore Alpium iuris Euganeae gentes, quarum oppida XXXIIII enumerat Cato. Die Metapher von der "Brust der Alpen" [bei den Euganei, also ungefähr dem heutigen Veneto/Friaul] versteht man gut, wenn man sich die Alpen als einen auf seiner linken Seite liegenden Riesen vorstellt, dessen in Richtung Süden blickendes Haupt am "oberen" Meer zu verorten ist. In diesem Sinn liegt das Tropaeum Alpium am "Fuß" der Alpen, und auch der Name der italienischen Region Piemonte [ich danke Thomas Krefeld für diesen Hinweis] erhält dadurch eine spezifische, bislang wohl eher selten wahrgenommene Konnotation; es ist allerdings einzuräumen, dass die Bezeichnung "Piemonte" für die heute so genannte Region in Antike und Mittelalter anscheinend unbekannt war Treccani s.v. Piemonte), die Unterwerfung betraf also Stämme fast im kompletten Alpenbogen. Ausgenommen scheint allerdings die Gegend östlich des Brenners gewesen zu sein, in der Metapher des Plinius also das "Caput Alpium". Diese Region war ein Jahr vor dem Feldzug des Drusus und Tiberius von Publius Silius Nerva niedergeworfen worden, wobei speziell Noricum keinen Widerstand geleistet hatte (s. Junkelmann, Die Legionen des Augustus, 1986, S. 63 und 70 [non vidi]; zum widerstandslosen Anschluss Noricums: Karl-Wilhelm Welwei, Römische Weltherrschaftsideologie und augusteische Germanienpolitik, Gymnasium 93, 1986, S. 118–138 [non vidi]).

Einige der genannten Stämme werden auch in antiken literarischen Quellen erwähnt und können aufgrund dessen lokalisiert werden. Im Folgenden geben die Nummern hinter den Namen die Position innerhalb der Inschrift an. Die Trumpilini (1) und die Camunni (2) seien Stämme der Euganeer, so Plinius (NH 3, 134). Plinius (ebd.) berichtet von den Leponti (19) – deren Name von Manchen angeblich vom griechischen Wort für VERLASSEN, ZURÜCKLASSEN (λείπω) hergeleitet werde, weil sie angeblich bei der Überschreitung der Alpen im Gefolge des Herakles dort zurückgeblieben seien, da ihnen die Kälte die Glieder hatte gefrieren lassen –, dass sie in der Nähe der Quelle der Rhone siedelten. Die Uberi (20) (im Text der Inschrift VIBERI) bezeichnet Plinius (a.O. 135) als einen Teil, also vermutlich Stamm, der Lepontier, was diese einerseits als Volk erscheinen lässt und damit gleichzeitig im Widerspruch zur Inschrift auf dem Tropaeum Alpium steht, wo sie als gens figurieren. Auffällig ist, dass Leponti und Uberi offenkundig in nächster Nachbarschaft zu einander siedelten und in der Inschrift des Tropaeum Alpium auch unmittelbar nach einander genannt werden. Dies reflektiert u.a. die der Anordnung innewohnende geographische Logik (s. unten). In 3,135 erwähnt Plinius auch die Vennonenses, bei denen es sich um einen Stamm der Raeter handle und die, gemeinsam mit den Sarunetes, in der Nähe der Rheinquelle siedelten. Dass sie mit den Vennonetes (4) der Inschrift zu identifizieren sind, ist jedoch sehr unwahrscheinlich, wie aus dem Folgenden ersichtlich werden wird. Von den in der Inschrift erwähnten Turi schließlich berichtet Plinius (NH 3,135), dass sie ein Stamm der Ligurer seien, demnach also bereits irgendwo im Bereich der Seealpen lebten.

Neben den Nachrichten aus antiken Quellen gibt auch die neuzeitliche Toponomastik Hinweise auf die Lage der Siedlungsgebiete der genannten Gentes. Der Name der Trumpilini (1), von denen Plinius sagt, sie seien ein Stamm der Euganeer, an die noch heute die Colli Euganei westlich von Padua erinnern, kann mit dem Namen der Val Trompia etwas westlich des Gardasees in Verbindung gebracht werden (s. Thomas Krefeld). Nördlich der Val Trompia befindet sich die Val Camonica, deren Name sich sehr wahrscheinlich von den Camunni (2) herleitet. Wiederum nördlich davon liegt das Vinschgau, italienisch Val Venosta, das man unschwer mit den Venostes (3) assoziieren kann. Die Isarci (5) passen zum Isarco, dem linken Nebenfluss der Etsch, der am Brenner entspringt. Der Brenner wiederum mag seinen Namen von den Breuni (6) bekommen haben.

Die Vindelici (9) sind wohlbekannt durch den römischen Namen für Augsburg, Augusta Vindelic(or)um. Da es hier um Bewohner der Alpen geht, wird man ihr Siedlungsgebiet also irgendwo am nördlichen Rand der Alpen unmittelbar südlich von Augsburg zu suchen haben. Es ist umstritten, ob der Eintrag VINDELICORVM GENTES QVATTVOR als Überschrift zu verstehen ist und somit die nachfolgenden vier Gentes als Vindelicer zu verstehen sind. Dafür könnte sprechen, dass eine dieser im Folgenden genannten Gentes, die Licates (12), sicher als vindelikischer Stamm angesehen wurde (Strab. 4,6,8: ἰταμώτατοι δὲ τῶν μὲν Οὐινδολικῶν ἐξητάζοντο Λικάττιοι καὶ Κλαυτηνάτιοι καὶ Οὐέννωνες, τῶν δὲ Ῥαιτῶν Ῥουκάντιοι καὶ Κωτουάντιοι [ed. Loeb [zugangsbeschränkt]). Sehr wahrscheinlich haben sie irgendwo im Lechtal (lat. Licca) gesiedelt, somit in einer Region, die man als Siedlungsgebiet der Vindelicer erwarten würde. Entsprechend wären dann auch die Cosuanetes (10), Rucinates (11) und Catenates (13) Vindelicer und in der näheren oder weiteren Umgebung des Lechtals zu suchen (eine genauere Lokalisierung ist anscheinend bislang noch nicht möglich). Eine weitere Stütze der Annahme, dass VINDELICORVM GENTES QVATTVOR als Überschrift zu verstehen ist, kann in der Analogie von GENTES ALPINAE DEVICTAE, das die Namensliste einleitet, gesehen werden. Auch dieser Passus hat offenkundig den Charakter einer Überschrift. Hinzu kommt, dass VINDELICORVM GENTES QVATTVOR ebenso wie GENTES ALPINAE DEVICTAE am Anfang einer Inschriftenzeile steht.

Brixenetes (18) ist ein anderer Name der Briganti, die ihren Namen an den der Stadt Bregenz am Bodensee weitergegeben haben (HLS, s.v. Brigantii; ich danke Thomas Krefeld für den Hinweis). Thomas Krefeld a.a.O bringt die Val Leventina mit dem Namen der Leponti in Verbindung, was sehr gut zur Nachricht des Plinius passt, diese hätten in der Nähe der Quellen der Rhone gelebt. Den Namen der Caturiges (28) schließlich erkennt Thomas Krefeld im Namen der französischen Ortschaft Chorges in der Nähe von Gap.

Auch die Siedlungsgebiete noch einer Reihe weiterer der in der Inschrift genannten Gentes lassen sich wenigstens ungefähr georeferenzieren, wobei allerdings durchaus die Gefahr von Zirkelschlüssen besteht. Trägt man diese ungefähren Lokalisierungen auf einer Karte ab und kippt diese um ca. 90 Grad nach Westen, erkennt man die der Inschrift innewohnende Logik (die Nummern beziehen sich wiederum auf die Rangfolge der Nennung in der Inschrift. Türkise Zahlen markieren Stämme, deren Lokalisierung allein auf Grundlage der geographischen Logik der Inschrift erschlossen wurde; die Verortung kann nicht wörtlich genommen werden, sondern ist absolut vage):



Ungefähre Lokalisierung der Alpenstämme auf einer um 90 Grad nach links gekippten Karte
(Kartengrundlage: Google Earth; Download der kmz-Datei)

Die unterworfenen Stämme werden, beginnend beim "oberen" Meer, der Reihe nach nach unten bis zum "unteren" Meer aufgezählt – was ja auch exakt dem Wortlaut der Inschrift entspricht: GENTES ALPINAE OMNES QVAE A MARI SVPERO AD INFERVM PERTINEBANT. Genau an der Stelle, an der die letztgenannten Stämme gelebt haben, steht symbolisch das Siegesmonument und setzt damit im übertragenen Sinn ein Ausrufezeichen unter die Liste. Der Standort ist also alles andere als zufällig und überdies auch deswegen ideal gewählt, weil er an einer sicher sehr stark frequentierten Land- und Seeroute (das Monument ist vom Meer her sehr gut zu sehen) gelegen war. Das Tropaeum Alpium lag genau am höchsten Punkt der Via Iulia Augusta, einer sehr wichtigen Straßenverbindung, die erst wenige Jahre vor der Errichtung des Siegesmonuments (im Jahr 13 v. Chr., also unmittelbar nach der siegreichen Beendigung des Feldzugs von Drusus und Tiberius im Spätsommer 15 v. Chr.) von Augustus angelegt worden war und die Italien mit der Provinz Gallia Narbonensis verband.

Wirklich irritierend ist zunächst allein die Nennung des Stammes der Ambisontes (14), da deren Siedlungsgebiet traditionell im Saalfeldener Becken und somit vollkommen außerhalb der ansonsten konsistenten Reihung von Ost nach West bzw. oben nach unten angenommen wird. Diese Lokalisierung geht anscheinend auf eine Stelle in den Geographica des Claudius Ptolemaeus (2,13,2: Κατέχουσι δὲ τὰ μὲν δυσμικώτερα τῆς ἐπαρχίας ἀπὸ ἄρκτων ἀρχομένοις Σεούακες καὶ Ἀλαυνοὶ (Ἀλανοὶ) καὶ Ἀμβισόντιοι, τὰ δὲ ἀνατολικώτερα Νωρικοὶ καὶ Ἀμβίδραυοι καὶ Ἀμβίλικοι.) zurück. Ziemlich sicher liegt hier eine fehlerhafte Identifizierung vor (bereits Theodor Mommsen, CIL III 2, p. 588, hatte vermutet, dass die bei Ptolemaeus genannten Ambisonten nicht mit denen auf dem Tropaeum Alpium identisch sind). Aufgrund der Position 14 innerhalb der Liste des Tropaeum Alpium wäre ihr Siedlungsgebiet wesentlich weiter westlich, vielleicht im Unterengadin oder dem angrenzenden österreichischen Inntal zu suchen. Hinzu kommt, dass die von Ptolemaeus genannten Ambisontes ein Stamm der Noriker gewesen sind, von denen wir wissen, dass diese sich bereits ein Jahr vor dem großen Alpenfeldzug, auf den sich das Tropaeum Alpium bezieht, im Rahmen der Kampagne des Publius Silius Nerva widerstandslos unterworfen hatten. Andere Stämme der Noriker werden in der Inschrift nicht genannt, die Ambisonten wären also der einzige in der Inschrift erwähnte Stamm der Noriker, was allein schon verdächtig wäre. Schließlich ist noch anzumerken, dass die Inschrift vom Tropaeum Alpium von "Ambisontes" spricht, bei Ptolemaios jedoch von den Ἀμβισόντιοι, in der lateinischen Entsprechung also von den Ambisontii, die Rede ist. Einander sehr ähnliche Stammesnamen sind für den Alpenraum auch anderwärts nachgewiesen (vgl. die Vennonenses und die Vennonetes [4]).

Soweit mir bekannt, sind die folgenden in der Inschrift genannten Stämme bislang noch nicht genauer lokalisiert worden: Clucones (17), Acitavones (25), Sogionti (30), Brodionti (31), Nemaloni (32), Veamini (35), Gallitae (36), Ecdini (38), Egui (40), Nematuri (42), Oratelli (43), Nerusi (44), Velauni (45), Suetri (46). Auf Basis der in der Inschrift vom Tropaeum Alpium offenbar vorliegenden geographischen Logik, lässt sich nun aber zumindest eine ungefähre Verortung dieser Stämme vornehmen. Demnach ist das Siedlungsgebiet der Clucones (17) irgendwo in Graubünden, am ehesten vielleicht im Rheintal in der Umgebung von Chur zu suchen. Die Acitavones (25) könnten irgendwo südlich des Mont Blanc im oberen Aosta- oder auch Isère-Tal gelebt haben. Sogionti (30), Brodionti (31), Nemaloni (32) wären in der Gegend südlich von Gap zu suchen, die übrigen genannten bislang nicht lokalisierten Stämme wiederum weiter südlich davon im Bereich der Seealpen.

Laut Plinius fehlen in der Inschrift diejenigen, die sich während des Feldzugs den Römern gegenüber freundschaftlich verhalten hatten. Konkret (aber eben nicht namentlich) genannt werden die 15 Stämme der Cottii (s. Georges, s.v. cottius), deren Siedlungszentrum sich im Susa-Tal (Segusio) südwestlich von Turin befand (Märtin 2017, S. 108). Die Namen von insgesamt 14 Stämmen der Cottii sind durch eine Inschrift (CIL CIL V 7231; Eintrag in der Epigraphischen Datenbank Heidelberg) auf dem Augustusbogen von Susa überliefert (aus dem Jahr 9/8 v. Chr.). Dort werden genannt: Segovii, Segusini, Belaci, Caturigi, Medulli, Tebauii, Adanatii, Savincatii, Ecdinii, Veaminii, Venisami, Iemerii, Vesubianii, Quadiatii.

Bei der von Plinius erwähnten Lex Pompeia muss es sich um die sog. Lex Pompeia de Transpadanis handeln, ein Gesetz aus dem Jahr 89 v. Chr., das vom Konsul Pompeius Strabo (dem Vater Pompeius' des Großen) eingebracht worden war (vgl. E. Weiss, RE 12,2 [1925], Sp. 2403, s.v. Lex Pompeia [1]; G. Rotondi, Leges publicae populi Romani, 1912 [Nachdruck 1962] S. 342 [non vidi]). Gegenstand des Gesetzes ist die Verleihung des latinischen Bürgerrechts an die nördlich des Flusses Po lebenden Verbündeten der Römer im Bundesgenossenkrieg (91-88) gewesen (vgl. Luraschi, Giorgio [1980]. Sui destinatari della c.d. Lex Pompeia de Transpadanis. In: Atti del II seminario romanistico Gardesano, S. 267-292. Milano [non vidi]). Insofern stellt dieses Gesetz eine Ergänzung der Lex Iulia de Civitate Latinis et Sociis Danda aus dem Jahr 90 sowie der Lex Plautia Papiria de Civitate Sociis Danda (89 v. Chr.) dar, durch die die in Italien südlich des Po lebenden Stämme bzw. Völker das latinische Bürgerrecht erhalten hatten.

Die Inschrift vom Tropaeum Alpium unterscheidet hinsichtlich der gelisteten Namen mindestens zwei unterschiedliche Status. Beim Gros der Namen handelt es sich offenkundig um "gentes", also um Stämme. Der Eintrag "Vindelicorum gentes quattuor" zeigt jedoch, dass "gentes" grundsätzlich eine Gliederung einer größeren Einheit sein konnten, die man wohl als "Volk" bezeichnen kann. Es mag sein, dass unter den civitates der Cottier, von denen Plinius spricht, im Grunde auch "gentes" zu verstehen sind. Die unterschiedliche Bezeichnung dürfte mit dem geänderten rechtlichen Status zu erklären sein, der sich aus der Verleihung des latinischen Bürgerrechts ergeben hat (civitas < civis !).