| AKTUELLE AREALE | Romanisch | Germanisch (Deu.) | Slawisch (Slow.) | |
| ÖST. DEU. SUPERSTRAT | ||||
| GERM. SUPERSTRAT | SLAW. SUB. | |||
| ROMANISCHES SUBSTRAT | ||||
| SPÄTANTIKE AREALE | Lateinisch-Romanisch | |||
| VORRÖMISCHE SUBSTRATE | ||||
| Sprachliche Stratigraphie des Alpenraums (vereinfachtes Schema) | ||||
| AKTUELLE AREALE | Romanisch (1) beurre/burro (m.) (2) butirro (m.) |
Germanisch (Deu.) die Butter (f.) ↑ |
Slawisch (Slow.) puter (Dial.) ↑ |
|
| ↑ | der Butter (m.) | → ÖST. DEU. SUPERSTRAT ↑ | ||
| ↑ | ↑ (2) | |||
| ↑ | ↑ ROMANISCHES SUBSTRAT | |||
| SPÄTANTIKE AREALE | Varianten (1) bútyrum (2) butȳrum – Lateinisch-Romanisch | |||
| Stratigraphie des Basistyps lat. butȳrum (nicht relevante Strata ausgeblendet) | ||||
Die neuzeitliche Verteilung der Sprachfamilien im Untersuchungsgebiet lässt die Alpen als eine Barriere, gewissermaßen als gewaltigen Sperrriegel erscheinen, insofern sie grosso modo den deutschsprachigen Raum (nördlich) vom romanisch- und slawischsprachigen Raum (südlich) trennt (Link). Das über den Alpenhauptkamm hinweg deutlich nach Süden ausgreifende, bairischsprachige Südtirol wirkt beinahe als Sonderfall. Diese 'Ansicht' ist in historischer Perspektive irreführend. Schon die ältesten sprachlichen Zeugnisse, Inschriften aus vorrömischer Zeit, sind in einem weitestgehend identischen Alphabet verfasst:
Die Verbreitung dieser meist als 'rätisch' bezeichneten, nicht entzifferten Texte (vgl. Schumacher 2004) reicht von den Nordalpen (Steinberg am Rofan, in der Nähe des Achensees) bis nach Padua; sie lässt sich nur vor dem Hintergrund eines die Alpen überschreitenden kulturellen Zusammenhangs verstehen:
In diesem Alphabet wurden, grosso modo, auch die uns erhaltenen Dokumente des Etruskischen geschrieben; es geht offensichtlich auf eine antike westgriechische Schrift zurück.
Die Römer haben dann den zentralen Alpenraum zwischen 25 und 15 v.Chr. erobert; das Tropaeum Alpium in La Turbie, oberhalb von Monaco, berichtet von 46 eroberten Stämmen, deren Namen sich teils bis heute erhalten haben. Die Inschrift ist leider nur in Bruchstücken erhalten, konnte jedoch durch die Naturgeschichte von Plinius dem Älteren (3, 136-137) vollständig rekonstruiert werden:
"Imperatori Caesari divi filio Augusto / pont(ifici) max(imo) imp(eratori) XIIII trib(unicia) pot(estate) XVII / senatus populusque Romanus / quod eius ductu auspiciisque gentes Alpinae omnes quae a mari supero ad inferum pertinebant sub imperium p(opuli) R(omani) sunt redactae / gentes Alpinae devictae Trumpilini Camunni Vennonetes Vennostes Isarci Breuni Genaunes Focunates / Vindelicorum gentes quattuor Cosuanetes Rucinates Licates Catenates Ambisontes Rugusci Suanetes Calucones / Brixentes Leponti Viberi Nantuates Seduni Veragri Salassi Acitavones Medulli Ucenni Caturiges Brigiani / Sogiontii Brodionti Nemaloni Edenates (V)esubiani Veamini Gallitae Triullatti Ectini / Vergunni Egui Turi Nemeturi Oratelli Nerusi Velauni Suetri" (Datenquelle: Epigraphik-Datenbank Clauss / Slaby)
Die folgende Übersicht zeigt die Namen aus der Aufzählung, die sich allem Anschein nach in aktuellen Namen identifizieren lassen.| auf dem Trop.Alpium erwähnter Name | aktueller Name | Geodaten (Breite ; Länge) |
| Trumpilini | Val Trompia | 45°44'5.87"N ; 10°12'2.20"E |
| Camunni | Val Camonica | 45°57'17.71"N ; 10°17'21.08"E |
| Vennonetes | Vinschgau | 46°39'44.81"N ; 10°34'39.75"E |
| Venostes | 46°39'44.81"N ; 10°34'39.75"E | |
| Isarci | Vgl. die Flussnamen Isère, Isar, Isarco (= deu. Eisack | 47°23'13.25"N ; 11°16'30.42"E |
| Breuni | Brenner | 47° 9'59.75"N ; 11°25'0.14"E |
| Licates | Flussname Lech (lat. Likias [2 Jh. n. Chr.], später Licca [570 n. Chr.] | |
| Brixentes | eventuell der Gemeindename Brixen | 47°30'2.70"N ; 9°44'32.31"E |
| Leponti | Val Leventina | 46° 6'47.60"N ; 8°17'31.10"E |
| Seduni | Sitten im Kanton Wallis, Schweiz | 46°13'59.25"N ; 7°21'37.80"E |
| Caturiges | der Gemeindename Chorges (Dép. Hautes-Alpes) | 44°32'44.67"N ; 6°16'31.60"E |
| Brigiani | der Gemeindename Briançon | (Dép. Hautes-Alpes)44° 53′ 47″N, 6° 38′ 08″E |
| Ectini | eventuell der Flussname Tinée | 43°55'0.23"N ; 7°11'14.69"E |
| Vergunni | der Gemeindename Vergons (Dép. Alpes-de-Haute-Provence) | 43°19'23.90"N ; 6°17'3.20"E |
Im Gefolge der Eroberung richten die Römer im geographischen Anschluss an die Gallia Cisalpina Provinzen ein, die entweder in den Alpen selbst angesiedelt sind (Alpes Maritimae, Nr. 3 auf der folgenden Skizze; Alpes Cottidae, Nr. 2 auf der Skizze; Alpes Poeniae auch: Alpes Graiae, Nr. 1 auf der Skizze) oder aber die Alpen nach Norden überschreiten (Raetia, Noricum):

Römische Alpenprovinzen (Ausschnitt aus dieser Quelle)
Die römische Provinzeinteilung im alpinen Raum ist im einzelnen nicht leicht zu beurteilen; insbesondere fällt es schwer, sie direkt auf sprachlich-ethnische Verhältnisse abzubilden. Das größte Rätsel bilden die Raetii 'Räter', d.h. die Namensgeber einer der beiden großen Provinzen im Alpenraum. Über sie konnte sehr wenig und allenfalls Archäologisches in Erfahrung gebracht werden, abgesehen von der kaum bezweifelbaren, allgemeinen Forschungsmeinung, dass es sich nicht um Indogermanen handelte (vgl. dazu Jürg Rageth im HLS). Es ist fraglich, ob sie mit den Etruskern identifiziert werden können; für eine Verbindung sprechen die alpinen Inschriften im etruskischen Alphabet. Allerdings decken sich die Fundorte gerade nicht mit den Provinzgrenzen. Überhaupt deckt sich das Territorium der Raetia höchstwahrscheintlich nicht mit dem Wohngebiet der Räter und auch die spätere Teilung in eine Raetia prima mit der Hauptstadt Curia (heute: Chur) und eine Raetia secunda mit der Hauptstadt Augusta Vindelicorum (heute: Augsburg), ist in dieser Hinsicht keineswegs eindeutig. Die Funde der letzten vorchristlichen Jahrhunderte aus Chur "scheinen eher einem kelt. als einem rät. Kulturkreis nahe zu stehen" (Jürg Rageth im HLS) und die auf dem Tropaeum Alpium erwähnten Vindeliker werden von der Forschung einhellig als Kelten beschrieben; man beachte auch die Kontinuität des Provinznamens Raetia in Gestalt des heutigen Landschaftsnamens Ries (vgl. die Karte zu den römischen Inschriften in dieser Gegend nordwestlich von Augsburg).
In jedem Fall darf man davon ausgehen, dass der nordalpine Raum intensiver romanisiert war als die eigentliche Gebirgszone; es liegt daher nahe, in spätrömischer Zeit von einer stärkeren Ähnlichkeit zwischen dem nord- und südalpinen Alpenvorland auszugehen, als zwischen den Alpen'vorländern' und der Gebirgszone. Eine große, kaum geklärte Frage betrifft die Fortdauer der vorrömischen Sprachen nach der Eingliederung des Gebiets in das Imperium Romanum. Es ist ja grundsätzlich denkbar, dass die germanischen und slawischen Einwanderer oder Invasoren nicht nur auf ein lateinisch-/romanischsprechende Bevölkerung, sondern womöglich auch noch auf Kelten trafen. In diesem Fall, dessen Wahrscheinlichkeit schwer einzuschätzen ist, hätten sprachliche Elemente unmittelbar aus vorrömischen Sprachen (jedenfalls aus dem Keltischen) ins Germanische und Slawische entlehnt werden können. In der Regel muss man jedoch davon ausgehen, dass alles Vorrömische in romanisierter Gestalt, d.h. als romanische Form an die nachrömischen Strata vermittelt wurde.
Zur unterschiedlich starken, womöglich speziell inneralpin schwächeren Romanisierung sind die archäologischen Erkenntnisse über die Lepontier aufschlussreich:
"Als Folge der röm. Expansion in der Poebene kamen die L. ab dem 2. Jh. v.Chr. schrittweise mit römisch geprägten Sitten und Gebräuchen in Kontakt und sie übernahmen erneut – in einem radikal veränderten hist. Umfeld – die Rolle von Mittlern zwischen der Nord- und der Südseite der Alpen. Mit den Feldzügen des Augustus (35-15 v.Chr.), deren Ziel die Unterwerfung der Alpenvölker zur Sicherung der Handelswege und des militärischen Durchgangs durch die Alpen war, wurden die L. ins röm. Verwaltungs- und Wirtschaftssystem integriert. Trotz tiefgreifender Akkulturationsprozesse überlebten einige traditionelle Elemente der L., besonders bei der weibl. Bekleidung und den Bestattungsriten, bis ins 2.-3. Jh. n.Chr." (Gianluca Vietti im HLS)
In jedem Fall ist es zum Verständnis möglicher Sprachkontaktszenarien sinnvoll, georeferenzierbare historische Daten in die Datenbank mit aufzunehmen, also zum Beispiel archäologische Funde, das spätantike Straßenverzeichnis der so genannten Tabula Peutingeriana (Link_1, Link_2), die römischen Alpenpässe, die römische Epigraphik usw. So zeigt diese Karte einerseits, dass die früh im bairischen Raum gegründeten Klöster und die ersten germanischen Funde sich offenkundig an romanische Infrastruktur anlagern, die sich in Gestalt von Inschriften, antiken Ortsnamen und der frühmittelalterlichen Bezeichnung anwesender Romanen (Walchen) manifestiert. Andererseits ist in eben diesen Verdichtungsgebieten gleichzeitig mit mutmaßlich frühen Entlehnungen zu rechnen, wie caseareus, -a zeigt.