Im Territorium der Alpenkonvention und damit im Untersuchungsgebiet von VerbaAlpina werden traditionell Sprachen aus drei Sprachfamilien gesprochen. Alle drei sind durch dialektale Kontinua repräsentiert, deren Ausdifferenzierung offenkundig auch von der Ausdehnung ihres Verbreitungsgebiets abhängt. Die Fragmentierung der romanischen Zone ist stärker als die der germanischen und diese wiederum als die der slawischen; über die dialektalen Verhältnisse informieren die einschlägigen Sprachatlanten, deren Erhebungspunkte durch VA zu einem umfassenden, mehrsprachigen Netz verknüpft werden. Die alpinen Dialekte sind – mit Ausnahme der Walserdialekte – in der Regel in der Gegend entstanden, wo sie gesprochen werden; sie sind deshalb historisch primär. Nachdem sie sich herausgebildet hatten, wurden sie durch historisch sekundäre, später entstandene Standardsprachen überdacht; Standardsprachen zeichnen sich im Unterschied zu den lokalen und oft ausschließlich mündlich verwendeten Dialekten dadurch aus, dass sie auf regionaler oder gar gesamtstaatlicher Ebene die institutionelle und massenmediale Schriftlichkeit beherrschen: Durch sie erfolgt die Alphabetisierung der Kinder, die Kommunikation der Bürger mit der Verwaltung, die Produktion der meisten literarischen Texte usw. Zu unterscheiden sind einerseits die großräumig etablierten Staatssprachen Französisch, Italienisch, Deutsch und Slowenisch sowie in der Romania alpina andererseits mehrere regional etablierte 'Klein(st)'sprachen, nämlich nach Maßgabe der politischen Anerkennung in der Schweiz und in Italien das Okzitanische, das im Aostatal politisch offizialisierte Arpitanische (oder: Frankoprovenzalische), das Rätoromanische, das Dolomitenladinische und das Friaulische. Dabei sind die Ausdrücke 'Rätoromanisch' und 'Ladinisch' noch weiter zu spezifizieren, denn es handelt sich um Oberbegriffe für noch kleinere Sprachen mit eigener schriftlicher und institutioneller Tradition:
    Schreibtradition/
Schulsprache
juristisch anerkannt
Rätoromanisch (Bündnerromanisch) Rumantsch Grischun + (neu) +
Surselvisch (sursilvan) + +
Sutselvisch (sutsilvan) + +
Surmeirisch (surmiran) + +
Oberengadinisch (puter) + +
Unterengadinisch (vallader) + +
Ladinisch Ladin dolomitan + (neu) +
Abteitalisch (badiot) + +
Grödnerisch (gherdëina) + +
Fassanisch (fascian)   +
Ladinisch der Provinz Belluno   +
Die Slavia alpina und die Germania alpina kennen dagegen mit dem Slowenischen und mit dem Deutschen jeweils nur eine Standardsprache. Was das plurizentrische Deutsche betrifft, sind allerdings mindestens für die Schweiz, für Deutschland und für Österreich koexistierende nationale Standardvarietäten zu unterscheiden.
Die alpinen Sprachräume sind also gewissermaßen zweistöckig (vgl. Krefeld 2020e). Beide Ebenen sind jedoch keineswegs vollkommen gegeneinander abgeschottet, sondern in osmotischem Austausch: Die überdachenden Standardsprachen haben sich historisch aus Dialekten heraus entwickelt, und viele Merkmale lassen sich in den Dialekten wiederfinden; andererseits nehmen die Dialekte Elemente aus den Standardsprachen auf; es kommt hinzu, dass die Sprecher mancher alpiner Gebiete (vor allem in der Provinz Bozen, in der autonomen Region Friaul-Julisch Venetien und im Kanton Graubünden) nicht nur eine, sondern zwei oder drei Standardsprachen beherrschen. Grundsätzlich ist damit zu rechnen, dass die Entlehnungsrichtung (Dialekt → Standardsprache oder Standardsprache → Dialekt) vom KONZEPT abhängt, denn Dialektsprecher lernen neue Konzepte, z.B. aus den Bereichen ÖKOLOGIE und TOURISMUS, sehr häufig über standardsprachliche Bezeichnungen kennen; für Konzepte der traditionellen Alltagswelt fehlen dagegen der Standardsprache oft die Bezeichnungen.
Das Projekt zielt auf dialektale ('basilektale') und technisch gesprochen lokal georeferenzierbare Daten; es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass unsere Informanten standardsprachliche oder standardnahe ('akrolektale') Varianten liefern, weil die korrespondierenden Dialektformen nicht mehr geläufig oder allenfalls noch passiv bekannt sind; dieser Fall ist im Bereich der traditionellen Lebenswelt, d.h. in den VerbaAlpina-Phasen I und II (vgl. Onomasiologischer Rahmen), nicht selten. Im Hinblick auf die moderne Lebenswelt, ist das Forschungsinteresse umgekehrt: Da es keine historisch überlieferten Dialektvarianten gibt, wird danach gefragt, wie die Konzepte bezeichnet werden; mögliche Strategien sind:
Der häufige, zuletzt genannte Fall ist nun in den Gebieten der Kleinsprachen von ganz besonderem Interesse, da sie in Konkurrenz zu den 'großen' und durch die Sprecher bestens beherrschten Nationalsprachen Deutsch und Italienisch stehen. Es muss daher untersucht werden,
Da die Bezeichnungen neuer Konzepte häufig durch die massenmediale Schriftlichkeit lanciert und eventuell auch durchgesetzt werden, ist es in der dritten VA-Phase unumgänglich, die Textproduktion der kleinen Standardsprachen auf die Existenz einschlägiger Bezeichnungen hin zu untersuchen. Zu diesem Zweck werden zwei repräsentative Zeitschriften, die graubünderische Quotidiana und die ladinische Usc di Ladins systematisch ausgewertet.