Die Kartographie ist ein vielleicht nicht ganz unumstrittenes, aber gut bewährtes Verfahren der Geolinguistik, denn sie dient gleichermaßen der Dokumentation wie der Visualisierung räumlicher Relationen (vgl. die Beiträge in Lameli 2010). Auch im Webauftritt von VA spielt die vielfältig nutzbare interaktive Karte eine ganz zentrale Rolle; sie wurde von Florian Zacherl und David Englmeier entwickelt und während der gesamten Projektlaufzeit kontinuierlich ausgebaut.

Grundkarten und Overlays

VA bietet mehrere, rein virtuelle und georeferenzierte Grundkarten (Layer) zur Auswahl an; sie unterscheiden sich in der graphischen Repräsentation (mit/ohne Relief, Hintergrundfarbe, Satellitenphotos, Beschriftung u.a.) und können über das Icon auf der interaktiven Karte (oben rechts) selektiert werden:

Alle Layer sind sehr hochauflösend. Die jeweils gewählte Grundkarte kann optional mit unterschiedlichen Overlays kombiniert werden. Dazu gehören in erster Linie retrodigitalisierte und ebenfalls georeferenzierte historische Karten, die frühere staatliche und kirchliche Territorien wiedergeben.

Aktuell sind die folgenden Overlays verfügbar:


Thematische Karten


Auf der Grundkarte mit ihrer Basisinformation können projektrelevante inhaltliche Informationen angezeigt werden. Automatisch (aber wegklickbar) erscheint das Gebiet der Alpenkonvention als Untersuchungsgebiet und die Zugehörigkeit seiner Gemeinden zum jeweiligen Sprachgebiet, wie folgende Karte zeigt. Gewählt wurde der Layer 'CartoDB : Carto Light', der sich für die Verwendung in Texten, die auf Papier gedruckt veröffentlicht werden sollen, gut eignet:

Karte 1: Das Gebiet der Alpenkonvention mit zugeordneten Sprachgebieten und ausgeblendeten Gemeindegrenzen (interaktive Originalkarte)

Die Polygone der Gemeindeflächen bilden die elementaren Einheiten der Georeferenz; außerdem wurde für jedes Polygon der geometrische Mittelpunkt errechnet. So ergeben sich zwei Visualisierungsweisen, nämlich einerseits über Punktsymbole (am jeweiligen Mittelpunkt) und andererseits über die Fläche des Polygons.

Punktsymbolkarten

Die Kartierung von Punktsymbolen wird verwandt, um die Verbreitung einzelner sprachlicher oder nicht sprachlicher Merkmale anzuzeigen. Die folgende Beispielkarte zeigt die Verbreitung von Bezeichnungen, die zum Basistyp lat. excocta gehören:

Karte 2: Der Basistyp lat. excocta; Legende unvollständig wiedergegeben (interaktive Originalkarte)

Auf den ersten Blick scheinen die Punktsymbolkarten den sogenannten synthetischen Karten der sprachgeographischen Tradition zu entsprechen; die Symbole gestatten es, räumliche Verhältnisse sehr schnell zu erfassen. So sieht man auf der Karte 2 sofort, dass die dokumentierten Bedeutungen (Konzepte) nicht zufällig im Raum verteilt sind, sondern meistens mehr oder weniger große zusammenhängende Areale bilden.
Im Gegensatz dazu stehen die so genannten analytischen Karten, auf denen sprachliche (Teil-)Äußerungen im Detail wiedergegeben werden, sodass die Aufdeckung der räumlichen Beziehungen zwischen den dokumentierten Formen dem Leser überlassen bleibt. In der Kartographie von VerbaAlpina werden jedoch beide Traditionen zusammengeführt, denn jedes Punktsymbol ist interaktiv und vermittelt die genaue Form sowie weitere Informationen zum Beleg, wie zum Beispiel Wörterbuchverweise und Normdaten zur Gemeinde. Hier ein Einzelbeleg von der soeben gezeigten Karte:

Karte 3: Ein lombardischer Beleg des Basistyps excocta aus Albosaggio (interaktive Originalkarte)

Das heuristische Potential der Kartographie ist beachtlich; daher wird dem Nutzer von VerbaAlpina nicht nur die Option angeboten, unterschiedliche Kategorien aus den 'sprachlichen Kerndaten' (z.B. mehrere Basistypen oder mehrere morpho-lexikalische Typen) zu kombinieren oder zu kumulieren, sondern sie darüber hinaus in Verbindung mit nicht sprachlichen Daten aus der 'sprachbezogenen Peripherie' auf synoptischen Karten zu kombinieren. So korrespondiert z.B. die Verbreitung des Typs fra. tomme/ita. toma in den Westalpen beiderseits des Alpenhauptkamms (auf der folgenden Karte durch die Vergletscherung leicht zu erkennen) mit der Tatsache, dass die West- und Ostseite schon in römischer Zeit (und vermutlich schon früher) durch wichtige Passwege miteinander verbunden waren. Die Streckenverläufe lassen sich an den aus der Antike überlieferten Ortsnamen der Tabula Peutingeriana gut erkennen:

Karte 4: Verbreitung des Typs tomme/toma 'Käse' und römische Passwege im Spiegel antik überlieferter Ortsnamen (interaktive Originalkarte)

Polygonkarten

Die Kartierung von Gemeinde-Polygonen eignet sich dagegen gut für die Darstellung quantitativer Verhältnisse. So zeigt die folgende Karte, in Gestalt einer sogenannten Heatmap die Teilnehmer an der Online-Erhebung von VA:

Karte 5: Quantitative Karte zu den Teilnehmern an der VA-Online-Erhebung (Stand vom 17.07.2023) mit Referenz auf die Ebene der Gemeinden (interaktive Originalkarte)

Wie man sieht, kommt eine Gemeinde immerhin auf 51 Teilnehmer; es handelt sich, genauer gesagt, um Colle Santa Lucia in den südlichen Dolomiten; der Ort ist wegen der geringen Größe des Gemeindepolygons nur schlecht zu entdecken. Daher folgt ein Kartenausschnitt in starker Vergrößerung; er verdeutlicht auch, dass alle Polygone (ebenso wie die Punkte der oben erwähnten Punktsymbolkarten) interaktiv sind; aktiviert wurde das Polygon von Colle Santa Lucia (bei Cortina D'Ampezzo). Das geöffnete Fenster führt über den eingebetteten Dienst geonames.org (Icon 🌐) auch zu Informationen über die Gemeinde, so zum jeweiligen Wikipedia-Eintrag (wenn vorhanden):

Karte 6: Colle Santa Lucia – die Gemeinde mit den meisten Teilnehmern an der Online-Erhebung im Umfeld der Dolomiten (interaktive Originalkarte)

Die Karten 3 und 5 zeigen, dass die Gemeinden des Untersuchungsgebiets meist nur sehr lückenhaft erfasst sind; das gilt für Sprachbelege (Karte 2) ebenso wie z.B. für die Teilnehmer an der Online-Erhebung (Karte 5). Es ist aus diesem Grund sinnvoll, die Gemeinden zu größeren Einheiten zu gruppieren, um einen synthetischeren (allerdings auch deutlich suggestiveren) Raumeindruck zu vermitteln. VA greift einerseits auf die zu statistischen Zwecken definierten NUTS 3-Gebiete der Europäischen Gemeinschaft zurück, denen in etwa die schweizerischen Kantone entsprechen. Dieselbe Information der Karte 5 präsentiert sich dann folgendermaßen:

Karte 7: Quantitative Karte zu den Teilnehmern an der VA-Online-Erhebung (Stand vom 17.07.2023) mit Referenz auf die Ebene NUTS 3 (interaktive Originalkarte)

Noch erheblich synthetischer ist die Gruppierung der Gemeinden nach Sprachgebieten. Vor diesen Referenzgebieten präsentiert sich wiederum derselbe Inhalt wie in den Karten 5 und 7 folgendermaßen:

Karte 8: Quantitative Karte zu den Teilnehmern an der VA-Online-Erhebung (Stand vom 17.07.2023) mit Referenz auf die Sprachgebiete (interaktive Originalkarte)

Wie man sieht, verteilen sich die Teilnehmer einigermaßen ausgeglichen auf die beiden größten Sprachgebiete; auf das romanische entfallen 987 und auf das germanische 1108 Teilnehmer.
Die Suggestivität der Kartographie ist offensichtlich, wenn man die beiden Karten 5 und 7 (auf identischer Datenbasis) vergleicht; während der quantitativ stärkste Ort (Colle Santa Lucia) auf Karte 5 kaum zu finden ist (man muss stark hineinzoomen, wie auf Karte 6 gezeigt), tritt seine Umgebung in Karte 7 sehr nachdrücklich in den Vordergrund. Dieser Effekt ist nicht zuletzt deshalb kräftig ausgeprägt, weil die vier farblich prägnanten NUTS 3-Gebiete eher großflächig sind, in jedem Fall sehr viel größer als manche Schweizer Kantone. Denn die Größe der Fläche erzeugt schon bei der Wahrnehmung unwillkürlich den Eindruck quantitativen Gewichts; auch die demographische Bedeutung eines Polygons steht in keinem Zusammenhang mit seiner Größe. Aus diesem Grund wurde eine alternative Visualisierung auf der Basis gleichgroßer Hexagone entwickelt. Zur Illustration das hexagonale Äquivalent von Karte 7:

Karte 9: Quantitative Hexagonkarte zu den Teilnehmern an der VA-Online-Erhebung (Stand vom 17.07.2023) mit Referenz auf die Ebene NUTS 3 (interaktive Originalkarte)

Die genaue geographische Lage der einzelnen NUTS 3-Einheiten zueinander kann natürlich bei der Visualisierung durch Hexagone nicht abgebildet werden, aber immerhin wird die ungefähre Lage der Einheiten zueinander wiedergegeben (vgl. Technische Konzeption und Umsetzung der geografischen Datendarstellung).