VerbaAlpina sammelt und analysiert Dialektwortschatz aus dem gesamten Gebiet der Alpenkonvention und ist somit voll und ganz im Bereich der Dialektforschung anzusiedeln. Die kanonische Definition des Dialekts bezieht sich in der Regel auf zwei Merkmale, die als typisch für diese Form der Kommunikation gelten: Zum einen auf die begrenzte areale oder sogar lokale Ausdehnung und zum andern auf das Fehlen einer schriftlichen Tradition. Der Dialekt wird demnach im Wesentlichen aus einer räumlichen Perspektive und im Hinblick auf seine Verwendungsweisen definiert (vgl. z.B. die Definition von Bußmann 2008, 131: "[griech.diá-lektos 'Redeweise', zu dialégesthai 'sich unterreden']. Sprachliche Varietät mit begrenzter räumlicher Geltung im Gegensatz zur überdachenden Standardsprache." und "[...] keine Schriftlichkeit [...]").
Angesichts der Projektaktivitäten und des epistemologischen Kontextes, in dem VerbaAlpina entwickelt wurde, ist notwendig danach zu fragen, ob diese Definition des Dialekts den Projektzielen von VerbaAlpina entspricht und ob diese auch den im Rahmen des Projekts gesammelten Daten genügt. In diesem Sinne halten wir es für angebracht, die folgenden Dimensionen zu unterscheiden:
Geolinguistische Dimension
Ein Dialekt ist ein vollständiges, semiotisches System (mit eigener Phonologie, Morphologie, Syntax und Wortschatz) und damit eigentlich eine 'Sprache' oder – mit Blick auf seine begrenzte räumliche Ausdehnung – eine 'lokale Sprache'. Die Betonung der räumlichen Begrenzung des Dialekts vermittelt die Vorstellung einer wabenförmig gegliederten Sprachlandschaft, in dem jeder Dialekt in sich selbst kompakt und nach außen hin abgeschlossen ist. Wir wissen jedoch, dass die sprachliche Realität weit von dieser Vorstellung entfernt ist, da der Dialekt als Kommunikationsform sozial konditioniert ist und wahrscheinlich stärker und tiefer den Folgen des sozialen Wandels ausgesetzt ist als die Landessprachen, denn er ist weniger stabil und damit anfälliger. Die Analyse der Daten im Rahmen von VerbaAlpina hat in der Tat bestätigt, dass zahlreiche morpho-lexikalischen Typen nicht nur in einzelnen lokalen Dialekten einer einzigen Sprachfamilie begegnen, sondern von Dialekten verschiedener Orte geteilt werden und darüber hinaus nicht selten auch in Dialekten verschiedener Sprachfamilien üblich sind: Dialekte bilden räumliche Kontinua. Außerdem gibt es aus sprachlich-funktionaler Sicht keine wesentlichen Unterschiede zwischen (Klein-)Sprache und Dialekt. Ein Dialekt besteht nämlich aus weitgehend nicht-exklusiven, sprachlichen Varianten, die nicht nur in benachbarten, sondern teils auch weit entfernten Dialekten vorkommen, wie z.B. der sogenannte präpositionale Akkusativ im Engadin, im Süditalienischen, im Rumänischen und im Iberoromanischen, der jedoch im Norditalienischen, im Galloromanischen und im Bündnerromanischen außerhalb des Engadins fehlt. Oft ist die räumliche Verbreitung bestimmter Varianten daher sehr groß (wie z.B. die Sonorisierung der romanischen Plosive in einem Gebiet, das von Oberitalien bis nach Portugal reicht). Die Gesamtheit der Varianten bildet das erwähnte geolinguistisches Kontinuum ohne klare Grenzen. Es ist daher wichtig zu betonen, dass selbst die Grenzen der Nationalsprachen (d. h. die territorialen Grenzen) sich nicht immer auf Grenzen innerhalb dieser Kontinua abbilden lassen. Auch muss gesagt werden, dass die sprachliche Variation im Raum nicht nur auf Dialekte beschränkt ist, sondern auch Standardsprachen in Form von Varietäten betrifft, die als Regionalitalienisch oder Regionalfranzösisch bezeichnet werden (vgl.Krefeld 2011b). Es ist nicht immer einfach, das eine (Dialekte) vom anderen (Regionalitalienisch etc.) zu unterscheiden. Die Unterscheidung ist nur dann offensichtlich, wenn sich die Sprecher:innen bewusst sind, dass sie zwischen beiden Codes wechseln können (engl. code switching). VerbaAlpina will die geolinguistische Variation der Alpen über Dialektgrenzen und die Grenzen der Sprachfamilien hinaus aufspüren: Das Projekt folgt den Prinzipien einer interlingualen Geolinguistik.
Soziologische Dimension
Die Einstufung einer (lokalen) Sprache als 'Dialekt' ist gleichbedeutend mit einer soziologischen sowie kognitiven Unterordnung dieser Sprache: Sie ist immer dann gegeben, wenn die sprachliche Identität und das Bewusstsein der Sprecher:innen nicht nur auf dem lokalen System basieren, sondern auch – und sehr oft dominant – auf einer übergeordneten 'Sprache' (deutsch Dachsprache), die fast immer standardisiert ist und als Referenzsprache akzeptiert wird. Obwohl der Dialekt aus semiotischer Sicht autonom ist, ist er es aus soziologischer oder kognitiver Sicht nicht. Die Beziehung zwischen 'Sprache' und 'Dialekt' ist daher hierarchisch und asymmetrisch, denn die Existenz eines 'Dialekts' setzt die Existenz einer entsprechenden 'Sprache' voraus. Der umgekehrte Fall ist hingegen nicht gegeben, da eine 'Sprache' nicht notwendigerweise Dialekte umfassen muss.
Das Fehlen der Schriftlichkeit wird als Faktor für die Minderwertigkeit des Dialekts angesehen. Die Daten, die VerbaAlpina durch das Crowdsourcing sammelt, sind jedoch medial rein schriftlich. Wir haben es hier also mit einer Art von Schriftlichkeit zu tun, die weder streng standardisiert noch völlig spontan ist. Tatsächlich ist das Fehlen einer dialektalen Schriftlichkeit keine intrinsische Eigenschaft des Dialekts, sondern eher eine Folge mangelnder gesellschaftlicher Wertschätzung. Die Gesellschaft propagiert und erwartet in ihren Institutionen in der Regel primär die Schriftform der Landessprache (oder allenfalls einer soziopolitisch starken Minderheitensprache).
Varietätenlinguistische Dimension
Die oben skizzierte Beziehung erklärt die Tatsache, dass der Name einer 'Sprache' oft auf die entsprechenden, ihr untergeordneten 'Dialekte' übertragen wird: Zum Beispiel Piemontesisch, Lombardisch usw. als 'italienische" Dialekte. Daher sind Glottonyme (z. B. 'Italienisch') sehr oft mehrdeutig. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich den Vorschlag von Coseriu 1980 zu berücksichtigen, der von "historischer Sprache" spricht, um die Verbindung zwischen Standards und Dialekten zu identifizieren. Alle zusammen werden von ihm als Varietäten einer historischen Sprache dargestellt. Dialektale Varietäten werden somit von Coseriu durch eine Standardvarietät zusammengehalten, die ihrerseits als "exemplarische Varietät" bezeichnet wird.
VerbaAlpina interessiert sich nicht so sehr für Dialekte als Varietäten (d. h. vollständige Systeme), sondern für die Verteilung (und damit die Verbreitung) dialektaler Varianten. Mit anderen Worten: VerbaAlpina untersucht geolinguistische Variation auf der Ebene der Varianten und nicht etwa auf der Ebene der Varietäten. Die Dialektologie umfasst im Wesentlichen zwei Traditionen: Eine, die auf das lokale System abzielt (lokale Grammatiken, lokale Lexika usw.) und eine, die auf die Verbreitung von Varianten abzielt (Sprachatlanten). VerbaAlpina konzentriert sich ebenfalls auf die geolinguistische Variation, ohne jedoch auf den Gegensatz 'Sprache' vs. 'Dialekt' einzugehen. Nicht ausgeschlossen von der Sammlung und Analyse sind somit Varianten des so genannten Regionalitalienischen/-französischen, die als eine Art mittlerer Bereich zwischen Dialekt und Standard anzusehen sind.
Methodische Aspekte
Die Sammlung von Dialektdaten für die großen Sprachatlanten des frühen 20. Jahrhunderts erfolgte durch die Erhebung von Dialektformen bei einheimischen, idealerweise einsprachigen Sprecher:innen. Diese stellen gewissermaßen den 'Modellsprecher' dar (vgl. die Erhebungen des AIS), um authentisches, traditionelles, 'unverfälschtes' Material zum Zweck der Dokumentation zu erheben. Dieser Ansatz, ein Kind seiner Zeit, ermöglicht es uns heute den sprachlichen Wandel, der im Gefolge der sozialen Veränderungen, die im Laufe des letzten Jahrhunderts stattgefunden hat, zu erkennen. Der authentizistische Anspruch, der ausschließlich auf der erkenntnistheoretischen Ebene des/der Wissenschaftler:in (und nicht des/der Sprecher:in) angesiedelt ist, hatte bereits seit den Anfängen der wissenschaftlichen Sprachforschung die größten Auswirkungen auf das Bild der Dialekte sowohl im akademischen Bereich als auch bei den Sprecher:innen selbst geprägt, insofern der Begriff 'Dialekt' als solcher mit einer Reihe von Konnotationen behaftet war, die ihn an die Vergangenheit und die Tradition banden. Gleichzeitig wurde er nicht nur als gesellschaftlich weniger wertvoll im Vergleich zu der Sprache betrachtet, sondern zudem mit dem Vorurteil belastet unfähig zur kontinuierlichen Entwicklung eines modernen Wortschatzes zu sein.
Durch das Crowdsourcing überwindet VerbaAlpina diese Vorstellung und spricht alpine Sprecher:innen direkt auf ihre selbsterklärte Dialektkompetenz an. Daher überrascht es auch nicht, dass die Frage, die dem/der Teilnehmenden auf der Crowdsourcing-Plattform direkt die Frage gestellt: "Wie sagt man zu BEGRIFF in GEMEINDE?" (und nicht "Wie sagst Du zu KONZEPT in Deinem Dialekt?"). Die Entwicklung der Mobilität hat zusammen mit anderen sozialen Faktoren unsere heutige Gesellschaft geprägt: Es wäre daher unangemessen weiterhin eine statische Vorstellung von Dialekt zu vertreten, die auf der Doktrin der Authentizität beruht (vgl.Krefeld 2007). Die Daten von VerbaAlpina zeigen ja gerade, dass kein allgemeiner Tod des Dialekts diagnostiziert werden kann. Vielmehr entwicklen sich die Dialekte durchaus weiter und nähern sich möglicherweise auch den jeweiligen Nationalsprachen an. Aber die von den Teilnehmer:innen angegebenen Wörter sind nur selten mit den entsprechenden Formen der Landessprachen identisch, wie aus den nachstehenden Tabellen hervorgeht. Diese zeigen den Prozentsatz der erhobenen Tokens, die mit dem Stimulus identisch sind, der den Informant:innen auf der Crowdsourcing-Plattform vorgelegt wird (je Begriffsbereich):
Tab.1: Tokens zur Konzeptdomäne 'Almwirtschaft' (va_1), die mit dem Stimulus identisch sind (in %).
Tab. 2: Tokens zur Konzeptdomäne 'Natur' (va_2), die mit dem Stimulus identisch sind (in %).
Tab. 3: Tokens zur Konzeptdomäne 'modernes Leben und Ökologie' (va_3), die mit dem Stimulus identisch sind (in %).
Obwohl für die Begriffsbereiche Ökologie und Tourismus ein etwas höherer Prozentsatz identischer Tokens verzeichnet wird, konnten in den meisten Fällen dialektale Neologismen, d. h. Konstruktionen neuer Bezeichnungen auf der Grundlage dialektaler Formen festgestellt werden (die nicht immer in lokalen Wörterbüchern belegt sind) .
Fazit
Wie aus den Überlegungen in diesem Beitrag und in weiteren Beiträgen unserer Methodologie hervorgeht, überschreitet VerbaAlpina die Grenzen der traditionellen Dialektologie auf verschiedenen Ebenen, nicht zuletzt auch im Hinblick auf das Verständnis von 'Dialekt'. VerbaAlpina gibt keine starre Definition von Dialekt vor, sondern überlässt es dem/der Crowder:in selbst zu bestimmen, welche Bezeichnung er/sie als ortsspezifisch ansieht. Im Sinn von Pike (1967) werden die Daten von VerbaAlpina also aus einer emischen Perspektive erhoben (vgl.Krefeld 2019 f), d.h. aus der Sicht der Sprecher:innen.
Nicht alle Schwierigkeiten werden mit der skizzierten Konzeption überwunden: Insbesondere die negativen Konnotationen und Vorurteile, die mit dem Begriff 'Dialekt' verbunden sind, lassen sich nur schwer ausrotten. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass einige wenige Crowder:innen statt ein Dialektwort für ein vorgeschlagenes Konzept zu liefern, auf die hypothetische Nichtexistenz entsprechender dialektaler Bezeichnungen hingewiesen haben (vgl. die folgende Tabelle):
Tab. 4: Nicht relevante Einträge aus dem Crowdsourcingtool.
Letztlich zeigt sich hier die vorgefasste Meinung, dass Dialekte keine modernen Konzepte ausdrücken können, sondern nur solche des ländlichen und traditionellen Lebens. Forschungsprojekte, die Daten speziell über Crowdsourcing-Plattformen sammeln, aber auch ganz allgemein Studien im Rahmen der so genannten Bürgerwissenschaft (engl. citizen science), sehen sich daher oft mit der Notwendigkeit konfrontiert, die Sprechergemeinschaften (wie in unserem Fall) oder ganz allgemein die Protagonist:innen der Forschungskampagne zu sensibilisieren. Im Übrigen steht dies ganz im Sinne der sogenannten dritten Mission der Universität (engl. third mission), die nicht nur Forschung und Lehre fokussieren soll, sondern ganz wesentlich auch den Wissenstransfer aus der Forschung in die Gesellschaft.
(2011): 'Primäre', 'sekundäre' und 'tertiäre' Dialekte - und die Geschichte des italienischen Sprachraums, Berlin / Boston, in: Overbeck, Anja u.a., Lexikon, Varietät, Philologie. Romanistische Studien Günter Holtus zum 65. Geburtstag, de Gruyter, 137-147
Coseriu, Eugenio: "Historische Sprache" und "Dialekt", in: Göschel 1980, 106-122
Jaberg, Karl / Jud, Jakob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, Zofingen, vol. 1-7
Krefeld, Thomas (2007): La continuità della Romània - e la storiografia delle lingue nazionali, Tübingen, in: Hafner, Jochen/ Oesterreicher, Wulf (Hrsg.): Mit Clio im Gespräch. Romanische Sprachgeschichten und Sprachgeschichtsschreibung, Narr, 63-75