VerbaAlpina dokumentiert die dialektale Variation innerhalb eines ethnographisch definierten Raums; der onomasiologische Rahmen wird durch kulturelle Techniken und Lebensformen abgesteckt, die sich unter den jeweils spezifischen, auch kulturunabhängigen Umweltbedingungen konventionalisiert haben. Dergleichen Räume, die durch die Alpen in prototypischer Weise repräsentiert werden, konnten die sprachwissenschaftlichen Forschungstraditionen nicht angemessen erfassen, da sich die Teildisziplinen, die sich systematisch mit der Konstitution von Räumen beschäftigen – also die Sprachgeographie bzw. Dialektologie oder auch Geolinguistik – beinahe ausnahmslos an vorgegebenen politischen und/oder (einzel)sprachlichen Grenzen orientieren. Der räumliche Zuschnitt zentraler und in mancher Hinsicht bis heute maßgeblicher Unternehmungen ist zwar nachzuvollziehen (vgl. etwa den AIS und das FEW) – zustimmen mag man jedoch oft nicht. Gerade die besonders faszinierenden mehrsprachigen Kulturräume, also z. B. das Gebiet zwischen der montenegrinisch-albanischen Adriaküste und der Donau, fallen daher durch das Raster der etablierten, durch nationalphilologische Voreinstellungen gesteuerten Forschung. Der ambitioniert geplante Atlante linguistico mediterraneo hätte ein richtungweisendes Großprojekt werden können; er ist jedoch über Ansätze niemals hinausgekommen.
VerbaAlpina zielt auf den Alpenraum; das Projekt will aber weder Sprach- noch Dialektgrenzen herausarbeiten und keineswegs das Mosaik gegeneinander abgegrenzter Varietäten (Dialekte) abbilden. Vielmehr wird eine interlinguale Geolinguistik entwickelt, die untersucht, inwieweit spezifische Varianten, nämlich die für den alpinen Kulturraum charakteristischen Bezeichnungstypen, gerade den Dialekten gemeinsam sind und sie womöglich über die Grenzen der Sprachfamilien hinaus verbinden. Die relative Ähnlichkeit der lokalen Dialekte ergibt sich induktiv aus den Daten selbst. Die einzige vorgegebene Gliederung des Alpenraums, die von vornherein unterlegt wird, betrifft die aktuellen Grenzen zwischen den drei großen Sprachfamilien (Germanisch, Romanisch, Slawisch).

Perspektive

Die Verteilung der Varianten in diesen dialektalen Großräumen impliziert vielfältige, mehr oder weniger weit zurückliegende Kontaktbeziehungen; daher kann die übergreifende Perspektive des Projekts nur eine historische sein. Im Hinblick auf den skizzierten Untersuchungsraum versteht sich VerbaAlpina allerdings nicht als Beitrag zur nationalen Sprachgeschichtsschreibung der involvierten Sprachen, sondern als Versuch, die Stratigraphie eines mehrsprachigen kommunikativen Raums exemplarisch zu rekonstruieren.

Dabei wird ausschließlich bottom up verfahren, das heißt auf Grundlage von Daten, die lokal georeferenzierbar sind. Die minimale und by default geltende Referenzeinheit ist die politische Gemeinde, genauer gesagt ein Geopunkt, der die Gemeinde als Ganze repräsentiert, oder aber die gesamte Gemeindefläche. Im Bedarfsfall kann die Georeferenzierung jedoch bis auf wenige Meter präzisiert werden.

Kartographie

Den Zugang zur Dokumentation vermittelt vor allem ein interaktive Karte. Bislang werden zur Visualisierung nur Punktsymbolkarten mit interaktiven Symbolen eingesetzt. Komplementär wird eine interaktive Flächensymbolisierung auf Basis der Gemeindeflächen vorbereitet, um eine bessere Visualisierung quantitativer Verhältnisse zu erzielen. Die interaktiven Symbolkarten markieren einen substanziellen Fortschritt der linguistischen und humanwissenschaftlichen Raumdarstellung, da sie es gestatten, stark abstrahierte ('synthetische') Repräsentationen mit ganz konkreten, lokalen Informationen ('analytisch') anzureichern.

Linguistische Datenaufbereitung

Bei Aktivierung ('Klick') eines Punktsymbols öffnet sich ein Fenster mit den jeweils für den Ort verfügbaren sprachlichen Daten; das folgende Beispiel zeigt die Bezeichnung des Konzepts BUTTER in Ramosch (Unterengadin):
vgl. die interaktive Karte Konzept BUTTER

Die Daten werden quellentreu wiedergegeben (als phonetisch transkribierter Einzelbeleg, wie im vorstehenden Beispiel, oder in orthographisch typisierter Form) und allgemeineren Typen zugeordnet; die abstrakteste Kategorie wird durch den etymologisch definierten Basistyp vertreten. Außerdem finden sich in den Belegfenster Verweise auf Referenzwörterbücher, im genannten Beispiel u.a. auf den DRG.

Filter

Mehrere Filter erlauben es dem Nutzer, aus den verfügbaren Daten eine gezielte Auswahl zu treffen und kartographisch darzustellen. Der oben gezeigte Kartenausschnitt stammt aus der Karte, die bei Auswahl des 'Konzepts' BUTTER erscheint:


Filter zu Steuerung der interaktiven Karte

Gruppieren und Sortieren

Nicht selten sind in den ausgewählten Kategorien bereits zahlreiche sprachliche Ausdrücke verfügbar; die Suche nach dem 'Konzept' BUTTER (vgl. die folgende Abb.) führt zu 1448 Belegen. Es wird daher die Möglichkeit gegeben, alle relevanten Ausdrücke nach unterschiedlichen Kriterien zu gruppieren und sortieren:


Die Sortierfunktion der interaktiven Karte: Konzepte

Eine entsprechende Option ergibt sich auch bei der Suche nach morpho-lexikalischen Typen oder Basistypen; vor allem die Sortierung nach dem Kriterium 'Konzept' ist auch unabhängig vom erfassten Sprachraum von Interesse, weil sie die Polysemie eines jeden Ausdrucks freilegt. Hier zwei Screenshots der Vorgehensweise am Beispiel von malga:




Als Ergebnis resultieren die folgenden Bedeutungen, die untereinander in klarer metonymischer Beziehung stehen.
Polysemie des morpho-lexikalischen Typs malga:

vgl. die zu Grunde liegende interaktive Karte des morpho-syntaktischen Typs malga

Quellen

Bislang wurden einige georeferenzierbare Wörterbücher, vor allem jedoch Sprachatlanten ausgewertet. Dabei wurden im Wesentlichen drei Techniken eingesetzt:
  1. Bereits auf gedruckten Karten publiziertes Material wurde mit einem speziell entwickelten Tool neu transkribiert und in die VA-Datenbank eingelesen, so im Fall der allermeisten Atlanten (SDS, AIS, TSA usw.).

  2. Das von VA entwickelte Transkriptionstool

  3. Bereits auf gedruckten Karten publiziertes Material, das jedoch im Original schon digital vorliegt, wurde so konvertiert und algorithmisch neu transkribiert, dass es in die VA-Datenbank eingelesen werden konnte. Dieses Verfahren wurde für den ALD-II und den ALTR praktiziert.
  4. Noch nicht publiziertes Material anderer Projekte wird direkt aus deren Erhebungsbögen transkribiert bzw. digital übernommen; dies gilt bislang vor allem für SAO-Daten.

Multidimensionalität

Für ein umfassendes Verständnis der historischen Prozesse ist es unbedingt wünschenswert, die sprachlichen Daten um andere, historisch relevante Daten zu ergänzen; das kann VerbaAlpina nur sehr bedingt leisten; immerhin sind manche relevante Daten abrufbar. Der folgende Kartenausschnitt mit Fokus auf die Ostalpen zeigt in synoptischer Zusammenschau einerseits die Basistypen vorrömisch baita und lateinisch cellarium und andererseits die Verbreitung römischer Inschriften in den Provinzen Raetia und Noricum sowie die auf der Tabula Peutingeriana dokumentierten Ortsnamen; im Hinblick auf den Substratstatus interessieren speziell die zahlreichen baita-Belege in Slowenien sowei die drei cellarium-Belege in Oberösterreich:


vgl. die interaktive Karte
Die unübersehbare Kongruenz oder wenigstens Affinität der Distributionen dürfte kaum einem Zufall geschuldet sein.