Um von einer Sprachinsel zu sprechen, müssen zwei Grundbedingungen gegeben sein:
- sprachliche Differenz (dialektal, einzelsprachlich) zur Umgebung
- kleinräumige Begrenzung relativ zur unmittelbaren Umgebung
Dementsprechend handelt es sich bei den meisten Varietäten, die innerhalb einer Sprachinsel gesprochen werden, um Minderheitensprachen.
Oft geht auch eine entsprechende ethnokultrelle Differenz der Sprachinselbewohner zu ihrer Umgebung einher, was jedoch im Zusammenhang damit steht, dass Sprachinseln oft auf eine gezielte Besiedelung zurückzuführen sind und die Menschen nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihre Sitten und Bräuche ihres Herkunftsgebiets mitnehmen.
Auch hinsichtlich ihrer Religionszugehörigkeit können sich Sprachinselbewohner von ihrer Umgebung unterscheiden, da die Errichtung sogenannter "Kolonien" häufig auch religiöse Gründe hatte, wie beispielsweise bei den überseeischen Mennonitengemeinschaften oder den Siebenbürger Landlern in Rumänien.
Manche Sprachinseln verfügten auch über besondere Priviligien wie Zollfreiheit, Selbstbestimmung, Rodungsrecht usw. Mit diesen Mitteln versuchten manche Landesherren die Ansiedlung neuer Bevölkerung zum Zwecke der Urbarmachung attraktiv zu machen. Nicht zuletzt begünstigen topographische Hindernisse und damit die schwierige verkehrstechnische Erschließung die Beständigkeit einer Sprachinsel (vgl. Mattheier 1994, Wiesinger 1983).
Auch innerhalb des Untersuchungsgebiets von VerbaAlpina liegen zahlreiche, zum Teil nur noch historische, deutsche Sprachinseln in Oberitalien (vgl. Comitatio unitario delle isole linguistiche storiche germaniche in Italia).
Hierzu gehören in den Westalpen im Grenzgebiet zwischen Italien und der Schweiz die alemannischsprachigen Walsergemeinden:
- Gressoney/Greschoney (Aostatal)
- Issime/Èischeme (Aostatal)
- Campello Monti/Kampel (Provinz Vercelli)
- Rimella/Remmalju (Provinz Verbania)
- Carcoforo/Chalchoufe (Provinz Vercelli)
- Alagna Valsesia/Im Land (Provinz Vercelli)
- Formazza/Pumatt (Provinz Verbano Cusio Ossola)
Im mittleren Oberitalien die bairischen Sprachminderheiten, wobei nur die beiden erstgenannten noch einen stabilen Sprecheranteil aufweisen, die letztgenannte verfügt über keine Sprecher mehr:
- Fersental/Valle dei Mòcheni (Provinz Trient)
- Zimbrische Sprachinsel Lusérn/Luserna (Provinz Trient)
- Zimbrische Sprachinsel XIII Gemeinden, Ljetzan/Giazza (Provinz Verona)
- Zimbrische Sprachinsel VII Gemeinden, Robaan/Roana (Provinz Vicenza)
- Zimbrische Sprachinsel Kansilien (Provinz Belluno, Provinz Treviso)
Im Osten der italienischen Alpen die ebenfalls bairischen Sprachinseln:
- Sappada/Plodn (Friaul-Julisch Venetien)
- Sauris/Zahre (Friaul-Julisch Venetien)
- Timau/Tischlbong (Friaul-Julisch Venetien)
- Val Canale/Kanaltal (Friaul-Julisch Venetien)
Neben den Belegen aus dem Tirolischen Sprachatlas wurden über die Crowdsourcing-Seite des Projekts bereits wertvolle zimbrische bzw. fersentalerische Belege aus (A) Palai im Fersental, (B) Lusern und sogar aus der (C) Kommune Selva di Progno beigesteuert (vgl. 3144).
Mattheier, Klaus Jochen (1994): Theorie der Sprachinsel: Voraussetzungen und Strukturierungen., Frankfurt am Main, in: Nina Berend / Klaus Jochen Mattheier (Hg.): Sprachinselforschung. Frankfurt am Main., Lang, 333-348
Wiesinger, Peter (1983): Deutsche Dialektgebiete außerhalb des deutschen Sprachgebiets: Mittel-, Südost- und Osteuropa, Berlin, in: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung., Walter de Gruyter, 900-929
vergleiche