Der Ausdruck ladin(o) ist ebenso wie seine deutsche Entsprechung ladinisch mehrdeutig, so dass er Anlass zu Missverständnissen geben kann. Sie entstehen vor allem dann, wenn sprachgeschichtliche, wissenschaftsgeschichtliche, dialektologische und sprachsoziologische Aspekte in unreflektierter Weise vermischt werden.

Sprachgeschichte

Als vorwissenschaftlicher, volkstümlicher Ausdruck bezeichnet ladin(o)/ladinisch im Alpenraum die lokalen romanischen Idiome, die in zwei mehr oder weniger klar definierten und geographisch nicht zusammenhängenden Gebieten gesprochen werden: im schweizerischen Engadin einerseits und in den Dörfern San Martin und La Val in den Dolomiten andererseits (vgl. EWD IV, 156 und DRG 10, 272 – 276). Was das erste Gebiet betrifft, so sind heutzutage Glottonyme wie puter 'Oberengadinisch' und vallader 'Unterengadinisch' (als Hyponyme) oder gar rumantsch 'romanisch' (als Hyperonym) für die Bezeichnung der dort gesprochenen und geschriebenen Idiome gebräuchlicher. Zur Bezeichnungsverwendung in den Dolomiten sind an dieser Stelle einige Präzisierungen unumgänglich.
Wie die ALD-I-Karte Nr. 3 bezeugt, wird das Glottonym ladinisch zur Benennung der eigenen Sprache nur im Zentrum des Gadertals verwendet (Erhebungspunkte 83, 84 und 85). Im übrigen Gebiet benennen SprecherInnen ihr eigenes Idiom nach dem Dorf oder dem Tal (etwa wie badiot 'aus Badia' bzw. 'abteitalisch' oder fascian 'aus Fassa, fassanisch'). Allerdings wird der Ausdruck ladin heutzutage auch in einem geographisch umfangreicheren Gebiet verwendet, das die vier um das Sella-Massiv gelegenen Täler umfasst (Gadertal, Gröden, Fassatal und Buchenstein) und zudem üblicherweise auch die Mundart von Cortina d'Ampezzo einschließt (Karte). Diese volkstümliche Bezeichnung bezieht sich nicht (nur) auf die Sprache, sondern sie betont viel mehr den gemeinsamen kulturellen und historischen Bezug der eben genannten Täler und Ortschaften zur Habsburgermonarchie bis ins Jahr 1919.
Etymologisch betrachtet, stellen ladin und die entsprechenden Glottonyme die direkte Fortsetzung von latinus dar. Obwohl es bis zum Mittelalter üblich war, latinus neben romanus, romanice, vulgaris, als Bezeichnung für die aus dem Vulgärlatein entwickelten romanischen Idiome zu verwenden, betonte der Humanismus die Unterscheidung zwischen dem 'wahren' Latein und den daraus entstandenen lokalen Idiome. Im Zusammenhang mit der Verschriftung der eigenen Mundart entstanden spezifische Benennungen des eigenen Idioms, die oft auf die geographische Lage verweisen (so hat man zum Beispiel italiano aus Italia oder furlan 'friaulisch' aus Forum Iulii). Die Berggebiete, von denen hier die Rede ist, waren an diesem Prozess weniger beteiligt als die urbane Ausstrahlungszentren von Innovationen. Vielleicht könnte in den Dolomiten aufgrund des unmittelbaren Kontakts zu nicht lateinisch-romanischen Gebieten im Vordergrund gestanden haben, sich in der Sprachbezeichnung eher vom Germanischen abzugrenzen, was ladin(o) eindeutig leistet, als zwischen Latein und 'Neulatein', d.h. Romanisch, zu unterscheiden.
Der Erhalt des Glottonyms als Fortsetzung von latinu mag weiterhin durch die im Vergleich zur Italo- bzw. Galloromania verspätete Verschriftungstätigkeit begünstigt worden zu , die in den Dolomitentälern erst ab dem XVII. Jahrhundert bezeugt ist (vgl. Videsott 2020): Dort, wo intensiver schriftlicher Ausbau mehr oder weniger früh im Mittelalter begann, wurde das Bedürfnis verspürt, die spezifische eigene Ausprägung des Romanischen mit Bezug auf den geographischen Raum zu benennen. In der Sprachwissenschaft haben sich die Bezeichnungen überwiegend an den volkstümlichen Sprachnamen orientiert.

Wissenschaftsgeschichte

Von Isaia Graziadio Ascoli wurde der Ausdruck (in der ital. Variante ladino bzw. favella ladina) als Oberbegriff für das Bündnerromanische, das Romanische in den ehemals österreichischen Dolomiten und das Friaulische (vgl. Melchior 2019) vorgeschlagen; er sah in den drei Gebieten isolierte Reste eines ehemals umfassenderen, zusammenhängenden Sprachraums, denn die Dialekte zwischen der Schweizer Grenze und der Etsch sowie diejenigen des Agordino, Cadore und Comelico (Karte), die westlich des Friaulischen situiert sind, sah er nicht als ladinisch an; vielmehr sprach er hier von anfizone 'Übergangsgebieten'. In der deutschsprachigen Forschung wurde Ascolis Konzept mit 'Rätoromanisch' wiedergegeben (vgl. Gartner 1883); dieser wissenschaftliche Sprachgebrauch, den man mittlerweile als obsolet bezeichnen muss (vgl. Krefeld 2003a, Liver 2010), darf nicht mit der amtlichen Schweizer Sprachregelung (vgl. Rätoromanisch) verwechselt werden. So wurden im Laufe der Jahre zwar etliche Anläufe unternommen, den Begriff LADINISCH trennscharf zu definieren, aber ein wissenschaftlich allgemein akzeptierter Konsens ist daraus nicht entstanden (vgl. Casalicchio 2020, Goebl 2003, Pellegrini 1991).

Dialektologie

Im Hinblick auf die dialektale Ähnlichkeit, (d.h. die Gemeinsamkeit von Varianten) erscheint es im Rahmen von VerbaAlpina nicht gerechtfertigt, den Begriff LADINISCH auf die romanischen Varietäten zu beschränken, die in den Dolomitentälern rund um das Sella-Massiv gesprochen werden (traditionell im Gadertal und Grödnertal in Südtirol, im Fassatal im Trentino sowie in Colle Santa Lucia, Buchenstein und Cortina d'Ampezzo, in der Provinz Belluno). Vielmehr ist es sinnvoll, 'Ladinisch' prototypisch zu verwenden: als Klassifikationsbegriff für die Bezeichnung der romanischen Varietäten, die sich aufgrund ihrer inneren Struktur besonders ähnlich sind und die innerhalb eines geolinguistischen Ausschnitts des romanischen Varietätenkontinuums gesprochen werden,
Diese Erweiterung der Bezeichnung zu einem arealtypologischer Terminus, der auch über die ehemaligen Grenzen der Grafschaft Tirol hinaus relevant ist, hat man v.a. den Studien und Stellungnahmen von Giovan Battista Pellegrini zu verdanken (vgl. u.a. Pellegrini 1991 und Pellegrini/Sacco 1984). Die Existenz einer klaren Grenze zwischen dieser Gruppe und anderen benachbarten Varietäten wird damit nicht behauptet.
Die lexikographische Ressource, die von VerbaAlpina für die Typisierung der Sprachbelege des Dolomitengebietes verwendet wird, ist die Banca Lessicala Ladina (kurz: BLad), die sich an Lemmata aus sellaladinischen Varietäten orientiert, denn sie gilt als digitales Sammelwerk, das alle vorhandenen Wörterbücher der o.g. Talvarietäten zusammenführt. Die Verwendung dieses Werkzeugs steht durchaus nicht im Widerspruch zur oben skizzierten geolinguistischen Definition des Ladinischen, mit der VerbaAlpina arbeitet. Vielmehr erweist sich in der Nützlichkeit dieser Ressource im weiteren geolinguistischen Rahmen gerade die Existenz eines großräumigen Kontinuums lokaler romanischer Varietäten. Es versteht sich weiterhin von selbst, dass aus der geolinguistischen Bestandsaufnahme lokaler Ähnlichkeiten und Unterschiede keinesfalls auf die Zugehörigkeit der erfassten Idiome zu einer gemeinsamen 'Sprache' im Sinne von Ascoli 1873 oder Gartner 1883 geschlossen werden darf, denn eine Sprache impliziert im gegenwärtigen Verständnis – im Unterschied zum Dialekt – einen soziologischen Status, der sich in ihrer Institutionalisierung in Verwaltung und Bildung zeigt und der aus deskriptiv ermittelten, systemischen Merkmalen nicht abgeleitet werden kann (vgl. Sprachen und Sprachfamilien im Alpenraum).

Sprachsoziologie

Die Schrifttradition der ladinischen Varietäten ist – wie oben schon erwähnt wurde – jüngeren Datums als die der anderen romanischen Sprachen. Der erste Versuch einer ladinischen Varietät eine graphisch normierte Form zu geben, geht ursprünglich auf Ujep Insam (Versuch zu einer Grammatik der Grödner Mundart – Per na Gramatica döl Lading de Gerdöna; 1806, Videsott 2013) zurück, gefolgt durch Nikolaus Bacher (Micurà de Rü) mit seinem Versuch einer deütsch-ladinischen Sprachlehre (1833; Craffonara 1995). In der zweiten Nachkriegszeit erwiesen sich die gestärkten Identitätsgefühle und die Notwendigkeit, das Schulsystem mit didaktischen Instrumenten für den Unterricht in der Lokalsprache auszustatten (1948 wurde die paritätische Schule in Südtirol eingeführt) als grundlegende Faktoren einer intensiveren graphischen und sprachlichen Normierungstätigkeit (vgl. Rasom 2020 und Iannàccaro/Dell'Aquila 2020). Der Wunsch nach einer gemeinsamen Schriftsprache für die ladinischen Täler zeigte sich immer stärker, so dass die Kommission für die Sprachplanung der Union Generela di Ladins dla Dolomites 1987 die ersten Vorschläge für eine gemeinsame graphische Darstellung der einzelnen Phoneme vorstellte. Diese Vorschläge stellen die Basis des Ladin Standard (auch Ladin Dolomitan) dar, das vom SPELL (Servisc de Planificazion y Elaborazion dl Lingaz Ladin) auf der Grundlage der Arbeiten des Schweizer Sprachwissenschaftlers Heinrich Schmid in den Neunziger Jahren erarbeitet worden ist (GLS 2001; Schmid 1998); Schmid hatte bereits das Rumantsch Grischun konzipiert (vgl. Schmid 1982). In den Dolomiten existieren derzeit insgesamt fünf normierte Talschaftsidiome und eine gemeinsame Schriftsprache. Diese hier nur kurz skizzierte Geschichte der Normierung bezieht sich nur auf die sellaladinischen Varietäten (für eine genauere Chronologie s. Kattenbusch 1994 und Rasom 2020).
Für die Varianten des Agordino, des Cadore und des Comelico wurde vom Istituto Ladin de la Dolomites in Borca di Cadore, das die Interessen der Ladiner der Provinz Belluno ("Neo"-Ladiner in der Terminologie von Goebl 1997 und Rührlinger 2005) vertritt, das Handbuch Scrivere in Ladino veröffentlicht (Istituto 2010). In diesem Gebiet fehlen aktuell Projekte zur Standardisierung der Varietäten.