VerbaAlpina unterscheidet begrifflich und notationell grundsätzlich zwischen ‘Bedeutung’ und ‘Bezeichnung’. Diese Unterscheidung ergibt sich aus einem differenzierten Modell des sprachlichen Zeichens (vgl. Krefeld 2020), denn es ist notwendig zwei semiotische Relationen auseinander zu halten: Bezeichnung steht für die Relation zwischen einem sprachlichen Zeichen und einer außersprachlichen Instanz; genauer gesagt verweist ein sprachliches Zeichen auf ein mehr oder weniger abstraktes oder generisches KONZEPT, dessen Existenz unabhängig von einzelnen Sprachen ist; Konzepte, die ohne Bezug auf Einzelsprachen thematisiert werden, wie zum Beispiel die Prozeduren und Produkte der Milchverarbeitung, werden in Großbuchstaben notiert. Wenn sprachliche Zeichen in der Kommunikation gebraucht werden, beziehen sie sich darüber hinaus oft auf ganz spezifische und nicht selten idiosynkratische Ausprägungen eines Konzepts. Diese Funktion wird auch ‘Referenz’ genannt und ihr Gegenstand ist der Referent. So steht MILCH, genauer formuliert, für das abstrakte Konzept ORGANISCHE NÄHRFLÜSSIGKEIT FÜR NEUGEBORENE SÄUGETIERE und im konkreten Gebrauch unter Umständen genau für die Milch, die von einer ganz bestimmten Kuh/Ziege usw. produziert wurde und die als solche auch genetisch identifiziert werden könnte. Die Notation MILCH wird gewählt, wenn es überhaupt nicht um das deutsche Wort Milch mit seiner speziellen Sprachgeschichte, seiner Herkunft aus dem Germanischen usw. geht, sondern nur um die Sache (das Konzept).
Mit dem Ausdruck Bedeutung wird ein Konzept identifiziert, das im lexikalischen System einer Sprache oder eines Dialekts fest mit der (lautlichen oder graphischen) Form eines Zeichens assoziiert ist, also etwa im Deutschen mit der Verbindung von /m/ + /i/ + /l/ + /ch/. Bedeutungen sind einzelsprachlich lexikalisierte Konzepte; sie werden zwischen einfachen Anführungszeichen notiert; die Schreibweise: ita. latte ‘Milch’ bringt also zum Ausdruck, dass das ita. Wort dasselbe Konzept zum Inhalt hat, wie deu. Milch. Ebenso könnte man schreiben: ita. latte/deu. Milch ’organische Nährflüssigkeit für neugeborene Säugetiere'; die hier beschriebene Notation ist sinnvoll, wenn man die historische Veränderlichkeit der Wörter und ihrer Inhalte zum Gegenstand macht. Häufig ist es nicht erforderlich zwischen dem lexikalisierten Konzept, dem Inhalt eines Zeichens, und dem außersprachlichen Konzept zu differenzieren. Dann ist die Entscheidung für die Bezeichnungsnotation (MILCH) oder die Bedeutungsnotation (‘Milch’) von der Perspektive abhängig: Wenn der Ausgangspunkt ein einzelsprachliches Zeichen ist und in semasiologischer Perspektive nach seinen Inhalten und Veränderungen gefragt wird (vgl. Semantik), sollten Bedeutungen notiert werden; wenn der Ausgangspunkt jedoch ein Konzept ist und in onomasiologischer Perspektive nach eventuellen Bezeichnungen gesucht wird bietet sich eher die Konzept- oder Bezeichnungsnotation an.
Aus mehreren Gründen darf die Unterscheidung jedoch nicht vernachlässigt werden: Für viele KONZEPTE gibt es in bestimmten Sprachen keine lexikalisierten Bezeichnungen, d.h. es gibt keinen konventionell korrespondierenden Zeicheninhalt. Aber selbstverständlich kann man jedes KONZEPT in jeder Sprache/in jedem Dialekt auch dann verbalisieren, wenn kein spezifisches Zeichen zur Verfügung steht, denn stehen Wortbildungsregeln (Zusammensetzungen, Ableitungen) oder längere Umschreibungen zur Verfügung. So gibt es im Deutschen keine spezifischen einfachen Wörter für KUHMILCH (Wikidata Q10988133), ZIEGENMILCH (Wikidata Q1418287), SCHAFSMILCH (Wikidata Q2736146) usw., sondern nur Milch als Bezeichnung des hierarchisch übergeordneten Konzepts (oder Oberbegriffs) MILCH bzw. genauer gesagt: ORGANISCHE NÄHRFLÜSSIGKEIT FÜR NEUGEBORENE SÄUGETIERE (Wikidata Q8495), unabhängig von der biologischen Species. Man darf allerdings niemals ausschließen, dass manche Dialekte und Sprachen durchaus über entsprechende Bezeichnungen verfügen. So gibt es in vielen Alpendialekten, aber in keiner der ‘großen’ Standardsprachen eine Bezeichnung des Konzepts ZWEIG, VON NADELBÄUMEN (Basistyp *dasia).
Vor allem bei Atlasmaterialien, aber ebenso bei Crowdsourcing- und Wörterbuchbelegen ist sowohl im Bereich der Konzepte wie im Bereich der Bedeutungen mit grundsätzlichen Unschärfen zu rechnen. So lässt zum Beispiel die AIS Karte 1199 IL LATTE – MILCH – LAIT offen, ob die versammelten Belege das ganz generische Konzept ORGANISCHE NÄHRFLÜSSIGKEIT FÜR NEUGEBORENE SÄUGETIERE oder eventuell eine speziellere Ausprägung wie KUHMILCH oder womöglich beide Konzepte bezeichnen. Über die Existenz etwaiger spezieller Bezeichnungen für ZIEGENMILCH usw. ist damit ebenfalls nichts gesagt.
In anderen Fällen werden mit dem Beleg sehr präzise Sachinformationen geliefert, wie wenige Beispiele aus der Legende zur AIS Karte 1192 LA CASCINA DI MONTAGNA illustrieren sollen. Sie zeigen, dass der morpho-lexikalische Typ sosta (vgl. Karte) ganz unterschiedliche Ausführungen des Konzepts ALMSTALL bezeichnet, die im Sinn der Quellentreue in der Datenbank jeweils als eigene Unterkonzepte abgebildet werden müssen:
| morpho-lex. Typ sosta | ||
| AIS 1192#3 45 (Soglio) | ALMSTALL, AUS STEIN, GROSS | |
| AIS 1192#3 25 (Reams – Rioni) | ALMSTALL, LANG, VORDERER OFFENER EINGANG | |
| AIS 1192#3 73 (Corticiasca) | ALMSTALL, OFFEN, DACH AUF SÄULEN GESTÜTZT | |
| AIS 1192#3 70 (Indemini) | ALMSTALL, GESCHLOSSEN, GEMAUERT | |