Die Tabula Peutingeriana (T.P.) ist eine vermutlich im 12. oder 13. Jh. entstandene kartographische Darstellung der bedeutendsten Ortschaften und Verkehrswege im römischen Kaiserreich. Sie befindet sich heute in der österreichischen Nationalbibliothek in Wien (Codex Vindobonensis 324). Es handelt sich um einen aus mehreren Einzelteilen bestehenden Pergamentstreifen von knapp sieben Metern Länge bei einer Höhe von etwas über 30 Zentimetern (genaue Maße: 6,8 m x 0,33 m).
Ausschnitt aus der Tabula Peutingeriana (in der Mitte Apulien und Kalabrien, dazwischen der Golf von Tarent, unterhalb von Kalabrien Sizilien)
Die Abdeckung der Karte geht nach Osten hin über die Grenze des römischen Reiches hinaus und reicht bis an die Ostküste Indiens, wobei das in diesem Bereich abgebildete Orts- und Straßennetz verglichen mit dem Gebiet des römischen Reichs stark ausgedünnt ist. Die Teile der Karte, auf der die britische Hauptinsel, die iberische Halbinsel sowie der Bereich der nordafrikanischen Küste westlich von Algier abgebildet waren, sind heute verloren (die dortigen Ortschaften und Straßenverläufe wurden z.T. jedoch aus den Angaben im sog. Itinerarium Antonini ergänzt, einem Itinerar aus dem 3. Jh., das allerdings nicht in Kartenform, sondern in Gestalt einer bloßen Routenliste samt Entfernungsangaben vorliegt (lateinischer Originaltext). Die Darstellung der Karte ist weder winkel- noch maßstabsgetreu und insofern nicht mit modernen Karten vergleichbar. Wenigstens ansatzweise entspricht die Abbildung der Küstenverläufe jedoch durchaus den realen Verhältnissen. Ein Beispiel hierfür ist die Darstellung Unteritaliens, die eindeutig Stiefelabsatz und -spitze sowie den dazwischen liegenden Golf von Tarent erkennen lässt. Auf der T.P. sind neben Landflächen und Meeren auch Flußläufe und Gebirgszüge eingetragen. Der vordergründige Informationsgehalt der Karte besteht in der ungefähren Lokalisierung und Benennung von Ortschaften sowie den zwischen den Ortschaften bestehenden Straßenverbindungen (Seewege sind nicht kartiert). Die Markierung von Ortschaften geschieht in unterschiedlicher Weise in Abhängigkeit von deren Größe und Bedeutung. Während vergleichsweise bedeutende Orte durch schematische Darstellungen von größeren oder kleineren Bauwerken angezeigt werden, sind unbedeutende Siedlungen nur durch einen "Knick" innerhalb eines Straßenverlaufs markiert. Grundsätzlich gibt die Karte die Distanz zwischen zwei mit einer Straße verbundenen Ortschaften in römischen Meilen an. Die von der Karte gegebenen Informationen weisen z. T. Inkonsistenzen auf. So ist einerseits das i. J. 79 zerstörte Pompeji verzeichnet, andererseits findet sich der Name Constantinopolis, der der Stadt Byzantion erst im Jahr 337 verliehen worden ist. Diese Inkonsistenz mag darauf hindeuten, dass die T.P. entweder direkt oder mittelbar auf unterschiedlichen Quellen basiert.
Es ist umstritten, welcher Art die antiken Vorlagen gewesen sind, auf die die T.P. rekurriert. Insbesondere ist unklar, ob es eine antike kartographische, in ihrer Erscheinungsform mit der T.P. vergleichbare, Vorlage gegeben hat, an der sich die T.P. orientierte. Diese Frage berührt die viel grundsätzlichere Thematik, ob es in der Antike überhaupt "Landkarten" im modernen Sinn gegeben hat, wobei hier differenziert werden muss. Tatsächlich erhalten sind Kataster- und Stadtpläne. Ein prominentes Beispiel ist die sog. Forma Urbis, ein Plan der Stadt Rom, der unter Kaiser Septimius Severus zu Beginn des 3. Jhs. angefertigt wurde. Der Plan, der auch detaillierte Grundrisse von Gebäuden präsentiert, war auf insgesamt 150 Marmorplatten aufgetragen, die an einer Innenwand des Templum Pacis in Rom angebracht wurden. Zahlreiche Fragmente dieses Plans sind erhalten. Ein weiteres Beispiel antiker "Kartographie" sind die sog. Katasterpläne von Orange. Dabei handelt es sich um insgesamt drei unterschiedliche Pläne, die die Landaufteilung in der Umgebung der römischen Kolonie Arausio (= Orange) in der Provence dokumentieren und deren Entstehung in das letzte Viertel des 1. Jhs. datiert wird (Kaiser Vespasian). Fragmente auch dieser Pläne sind bis heute erhalten (Musée d'Art et d'Histoire in Orange).
Bei der Forma Urbis wie auch bei den Katasterplänen von Orange handelt es sich um Kartierungen einzelner "Siedlungsplätze" im weitesten Sinn. Kartographische Werke, die die übergeordnete Dimension, also die Verortung von Siedlungsplätzen in ihrem lokalen Verhältnis zueinander, abzubilden versuchen, sind realiter nicht aus der Antike auf uns gekommen. Es gibt lediglich eine Reihe von literarischen Nachrichten aus der Antike, die als Hinweise auf die Existenz solcher Kartenwerke interpretiert werden können, was im Einzelfall jedoch sehr umstritten ist. Reisende in der Antike bedienten sich zur Orientierung für gewöhnlich wohl sog. Itinerare, Listen, die die Namen der Ortschaften nannten, die auf einer Reise von einem Punkt A zu einem Punkt B nacheinander anzusteuern waren, und die außerdem die Distanzen zwischen den Orten angaben. Im wesentlichen sind dies die Informationen, die auch aus der T.P. abzulesen sind. Dies lässt an die Möglichkeit denken, dass die T.P. unter Umständen nichts anderes ist als eine nachträgliche, rein mittelalterliche Visualisierungsform eines oder mehrerer solcher antiker Itinerare.
Abschrift eines Itinerars, das auf einen bei der toskanischen Ortschaft Vicarello gefundenen Silberbecher (einer von insgesamt vier nahezu identischen) geschrieben ist und das die Route von Gades/Cadiz nach Rom beschreibt (Itinerarium Gaditanum)
Die auf der T.P. verzeichneten Routen durch die Alpen sind eindeutig hauptsächlich auf deren Überquerung ausgerichtet. Rein inneralpine, gleichsam quer zu den großen Transitrouten verlaufende Kommunikationswege, die etwa gezielt verschiedene Talschaften miteinander verbinden würden, sind nicht kartiert. Aufs Ganze gesehen kann man das auf der T.P. abgebildete Straßensystem im Alpenraum in einen West- und in einen Ostteil gliedern. Die Straßen südlich des Genfer Sees verbinden im Wesentlichen Italien mit den gallischen Provinzen, vor allem der Gallia Narbonensis. Die eingezeichneten Verkehrswege des Ostteils führen von Italien aus in die Provinzen Raetia und Noricum. Unter den Straßen des Westteils befindet sich auch eine der ältesten römischen Straßen im Alpenraum: Die Via Domitia, die zwischen 122 und 118 v. Chr. vom Prokonsul Gnaeus Domitius Ahenobarbus zur Anbindung der neu eingerichteten Provinz Gallia Transalpina (später: Narbonensis) angelegt worden war. Sie führte von der Poebene durch die Val di Susa (Segusio) über den Col de Montgenèvre (1850 m) hinüber nach Briançon und von dort weiter über Gap nach Narbonne (Narbo). Erst gut 100 Jahre nach der Erbauung der Via Domitia wurde von Augustus die Via Iulia Augusta angelegt, die die Seealpen in unmittelbarer Meeresnähe überwindet und an deren höchstem Punkt (512 m) das Tropaeum Alpium steht. Neben diesen beiden Straßen mit prominenter Benennung verzeichnet die T.P. in den Westalpen weitere zwar namenlose, zweifellos jedoch auch bedeutende und stark frequentierte Routen. Eine davon führte durch das Aostatal und schließlich, nach der Gabelung bei Aosta, über den Großen Sankt Bernhard (2469 m) hinüber in das Wallis und schließlich zum Genfer See bzw. über den Kleinen Sankt Bernhard (2188 m) und in der Folge über Albertville und Chambery nach Vienne im Rhonetal. Abzweigungen von der Via Domitia führten nach Vienne und Valence. Es fällt auf, dass der Abstand zwischen den einzelnen Etappenorten im Bereich der Westalpen im Schnitt markant geringer ist als bei den auf der T.P. verzeichneten Streckenverläufen in den Ostalpen.
In den Ostalpen verzeichnet die T.P. im Wesentlichen vier Übergänge von Italien nach Raetien bzw. Noricum. Am weitesten im Westen liegt die Route, die Mailand (Mediolanum) mit Bregenz (Brigantium) und schließlich Augsburg (Augusta Vindelicum) verband. Sie führte von Como über Chiavenna und den Splügenpass (2114 m) nach Chur (Curia) und folgte dann dem Rheintal bis zum Bodensee. Weiter im Osten ist der Verlauf der Via Raetia eingetragen, die Verona über den Brenner mit Augsburg verband. Im südlichen Abschnitt, von Verona bis Bozen (Pontedrusi), folgte sie dabei der Trasse der Via Claudia Augusta, jener Straße, die bereits unter Augustus angelegt und später von Kaiser Claudius ausgebaut worden war. Anders als diese, die von Bozen durch das Vinschgau und dann über den Reschen- (1504 m) und den Fernpass (1216 m) Richtung Augsburg führte, folgte die Via Raetia dem Lauf des Eisack bis zum Brenner (1370 m) hinauf und führte von dort weiter über den Seefelder Sattel (1185 m) und Partenkirchen dorthin. Die Via Raetia war erst von Kaiser Septimius Severus (193-211) angelegt worden und verkürzte die Strecke von Verona bis Augsburg um rund 70 Kilometer. Besondere Hindernisse, die dem Ausbau dieser Route zunächst entgegenstanden, waren die Eisackschlucht zwischen Bozen und Klausen (Sublabione) sowie die Sillschlucht bei Innsbruck. Noch weiter im Osten verzeichnet die T.P. je eine Straßenverbindung von Viruno, dem heutigen Maria Saal wenig nördlich von Klagenfurt, über den Radstädter Tauernpass (1738 m) nach Salzburg (Iuvavo) bzw. über die Triebener Tauern (1274 m) nach Liezen (Stiriate) und von dort weiter nach Wels (Ovilia = Colonia Aurelia Antoniana Ovilabis).
Die auf der T.P. im Alpenraum verzeichneten Straßenverbindungen repräsentieren bei weitem nicht alle in der römischen Antike genutzten Verkehrswege in dieser Region. Als Beispiel sei hier nur die Römerstraße genannt, die über den Iulierpass (römischer Meilenstein auf der Passhöhe) führend das Oberengadin mit Chur im Rheintal verband.
Einige wenige der von der T.P. im Alpenraum verzeichneten Ortschaften sind in ihrer Bedeutung durch die Verwendung eines besonderen Symbols in Hausform hervorgehoben. Innerhalb des Perimeters der Alpenkonvention sind dies im Bereich der Westalpen Riez (Reis Apollinaris = Colonia Iulia Augusta Apollinarium Reiorum) und Aosta (Augusta Pretoria = Colonia Augusta Praetoria), in den Ostalpen Bregenz (Brigantio), Trient/Trento (Tredente), Maria Saal (Viruno = Claudium Virunum, von Kaiser Claudius als Hauptstadt der Provinz Noricum gegründet, Nachfolger der Siedlung auf dem Magdalensberg) sowie Salzburg (Iuvavo = Iuvavum).
Seit 2017 läuft an der Katholischen Universität Eichstätt das von der DFG geförderte Forschungsprojekt "Kommentar zur Tabula Peutingeriana" (GEPRIS), dessen Ziel eine ausführliche detaillierte Kommentierung der T.P. ist. Im Rahmen dieses Projekts wurde u. a. eine online konsultierbare Datenbank (https://tp-online.ku.de/) der auf der Karte verzeichneten Toponyme entwickelt.
Die auf der interaktiven Karte von VerbaAlpina gegebene georeferenzierte Präsentation der Daten von der T.P. basiert auf der entsprechenden Vorarbeit von René Voorburg (https://omnesviae.org/), der die Nachnutzung seiner Arbeit ausdrücklich gestattet, wofür ihm hier gedankt sei.
Lit.:
Brodersen 1995, S. 186f. (T.P. als "Umsetzung von Itinerar-Texten in eine Graphik")
Fellmeth, Ulrich, “Tabula Peutingeriana”, in: Der Neue Pauly, Herausgegeben von: Hubert Cancik, Helmuth Schneider (Antike), Manfred Landfester (Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte). Consulted online on 27 November 2018 http://dx.doi.org.emedien.ub.uni-muenchen.de/10.1163/1574-9347_dnp_e1128120> First published online: 2006;