Das Verbreitungsgebiet des morpho-lexikalischen Typs
piéria ist nicht sehr großräumig und ist
grosso modo auf die sellaladinischen Täler beschränkt. Der
AIS gibt vier Punkte an, in denen das Konzept der Erdbeere als 'rote, fleischige, aromatische Frucht' durch verschiedene Varianten des morpho-lexikalischen Typs
piéria vorkommt. Diese Punkte sind:
- 305 (San Vigilio di Marebbe):
la pyéyura
- 313 (Penía):
ampyéria, ampiéries
- 314 (Colfosco):
ls pírias (Pl.)
- 315 (Arabba):
la pyéria
Kramers
EWD bestätigt die AIS-Belege und nennt weitere, nach Erscheinungsdatum aufgelistete Ausdrücke aus verschiedenen ladinischen Ortschaften, die mit dem Typ
piéria verwandt sind.
Der hier behandelte morpho-lexikalische Typ hängt mit dem
goh. Basistyp
peri/beri zusammen (
vgl. EWD 5, 277-278), der dem heutigen
deu. Beere entspricht. Die ladinischen Bezeichnungen für Erdbeere können also als Lehnwörter betrachtet werden.
Im Ladinischen haben sich diese Ausdrücke im Wesentlichen aus zwei Sprachprozessen herausgebildet: einerseits durch einen morphologischen Prozess, wobei der Basistyp mit einem Suffix versehen wurde und andererseits durch einen phonologischen Prozess, im Laufe dessen sich der Tonvokal
-e- zum Diphthong
-ie- entwickelt hat. Was den ersten Prozess betrifft, so kann man, je nach Lokalvarietät, die Suffigierung von -ICA >
-ia (gadertalisch und buchensteinisch
pīria), -ULA >
-ora (nord gadertalisch
pìriora) und -INA >
ena (Kampill
pírghena) annehmen (
vgl. EWD 5, 277-278). Der Diphthongierungsprozess von
e zu
ié ist in den ladinischen Varietäten üblich. Was die fassanischen Varietäten betrifft, so wurde dem Basistyp auch das Präfix AMP- vorangestellt (oberfassanisch
ampyéria) (
vgl. EWD 5, 277-278).
Der hier behandelte morpho-lexikalische Typ ist nicht zu verwechseln mit den oberitalienischen Bezeichnungen des TRICHTERs
píria, impíria, inpíria oder mit den zentralitalienischen Formen
pétria, pítria, pítriola. Obwohl die beiden Formen
piéria ('Erdbeere') und
píria ('Trichter') auf den ersten Blick ähnlich erscheinen, sind sie mit zwei völlig unterschiedlichen Etymologien zu verbinden. Letzteres könnte mit
lat. pletria in Verbindung stehen (
vgl. Ascoli 1877, 96).
Kramer, Johannes (1988-1998): Etymologisches Wörterbuch des Dolomitenladinischen, Hamburg, vol. 1-8, Helmut Buske
Ascoli, Graziadio Isaia (1877): Studj Critici, Roma, Torino, Firenze, vol. II, Ermanno Loescher