Der Worttypus Ziege hat in den deutschen Varietäten des Alpenraums kaum eine Geschichte. Die Bezeichnung für das „mittelgroße[s] Säugetier mit [kurzhaarigem] rauem, weißem bis braunschwarzem Fell und großen, nach hinten gekrümmten Hörnern‟ (vgl. Duden: s.v. Ziege) ist im oberdeutschen Dialektraum nach wie vor vom Typ Geiß bestimmt. Neben diesem findet man nur wenige Belege des morpho-lexikalischen Typs Ziege im Untersuchungsgebiet, die vermutlich auf standardsprachlichen Kontakt zurückzuführen sind. Das zuerst im fränkischen bzw. mitteldeutschen Sprachraum angesiedelte Wort fand erst durch die Rezeption der Lutherbibel weitere Verbreitung (vgl. DWB: s.v. Ziege; EWBD: s.v. Ziege); bis heute gilt die Form in allen Standardvarietäten des Deutschen als die geläufigste.
Eine Überraschung bieten die Crowdscourcing-Daten, die teilweise die dem Bairischen angeglichene Form Ziagn oder Ziang angeben. Hier könnte sich eine Schwäche der indirekten und anonymen Erhebung von Sprachdaten abzeichnen. Die Vermutung liegt nahe, dass hier ein neuhochdeutscher standardsprachlicher Worttyp genommen wurde – schließlich gibt der Stimulus "ZIEGE" als Begriff vor – und der heutige Monophthong diphthongiert wurde, ganz analog zur Bildung Stiagn bzw. Stiang zu standarddeutsch nhd. Stiege. Dass diese Diphthongierung jedoch keine Basis hat, zeigt, dass im mhd. zige (vgl. Lexer: s.v. zige) durch die neuhochdeutsche Dehnung in offener Tonsilbe eine quantitative Veränderung mitgemacht hat und diese erst später graphematisch ihren Niederschlag als <-ie-> in <Ziege> gefunden hat. Hingegen hatte im Mittelhochdeutschen stiege (vgl. Lexer: s.v. stiege) bereits einen Diphthong in der Stammsilbe, doch dieser wurde im nhd. Standard zum Monophthong, das Bairische selbst hat diesen Wandel jedoch nicht vollzogen, wie z. B. auch im mhd. lieb vs. bair. liab 'lieb'.