Der morpho-lexikalische Typ, der im Folgenden kommentiert wird, ist nach
AIS-Karte 426a, 315 in Arabba (Gemeinde
Livinallongo del Col di Lana) belegt. Hierbei handelt es sich um eine Bezeichnung für das Konzept
GLETSCHER. Das Wort ist auch in
Blad s.v. marmolada in der gleichen Bedeutung aufgeführt.
Die
Marmolata ist mit ihren 3343 m.ü.M. der höchste Berg der Dolomiten. Seine Nordseite ist von einem Gletscher bedeckt, der früher fast bis zum Fedaia-Pass (2057 m.ü.M.) reichte, aber heutzutage auf den obersten Teil des Berges beschränkt ist.
Auch in
Tagliavini 1934 (202) sowie in
Pult 1947 (41) ist für den Dialekt aus Livinallongo del Col di Lana das Wort
marmolada in der Bedeutung 'Gletscher' angegeben. Das Wort würde demnach in erster Linie den
o.g. Dolomitengipfel bezeichnen, während die Bedeutung 'Gletscher' das Ergebnis eines metonymischen Prozesses sein könnte. Hier ist allerdings die folgende Bemerkung angebracht: Die Marmolata ist ein sehr imposanter Berg, der sich zwischen den Gemeindegebieten von
Livinallongo, Canazei, Rocca Pietore und Falcade befindet. Dementsprechend könnte man in den Nachbaridiomen (zumindest in Canazei, denn Rocca Pietore und Falcade stellen keine AIS-Erhebungspunke dar) das gleiche Wort oder Varianten davon erwarten. Allerdings verzeichnet die AIS-Karte den Typ
marmolada allein in Arabba in der Bedeutung 'Gletscher'. In Penia bei Canazei (p. 313) sind /ˈʤaʧɐ/ und /ʤaʧˈoŋ/ (also der morpho-lexikalische Typ
glace (auch mit Suffix
-on) (
roa. f.) belegt, während im etwas östlich gelegenen Zuel bei
Cortina d'Ampezzo (p. 316) /ˈʒatso/ (morpho-lexikalischer Typ
ghiaccio roa. m.) auftaucht.
Trotz des Belegs in der Bedeutung
GLETSCHER in der einschlägigen oben aufgeführten Literatur, geht aus eigenen Erhebungen in Livinallongo del Col di Lana hervor, dass
Marmolada im hier behandelten Gebiet nur als Name des Bergs bekannt ist. Leider liefert das
Crowdsourcing im Moment noch keine Belege für die Gemeinde Livinallongo und das Konzept
GLETSCHER, dennoch sind die Personen, die befragt wurden, alle Muttersprachler des hier in Frage kommenden Dialekts. Es scheint also gerechtfertigt, die Frage nach der Legitimität des Sprachbelegs
marmolada zu stellen. Diesbezüglich kann man einerseits die Hypothese aufstellen, dass das im AIS belegte Wort
marmolada das Ergebnis eines im Zuge der Datenerhebungen entstandenen Missverständnisses ist: Während der Explorator wissen wollte, welches Wort für
GLETSCHER im Dialekt verwendet wird, könnte der Informant fälschlicherweise den Namen des Berges angegeben haben. Auf der Grundlage des sehr fragwürdigen AIS-Belegs (Band III, 1930) könnten auch
Tagliavini 1934 und
Pult 1947 ihre Kommentare, sowie auch Masarei (
Blad) seinen Eintrag im Wörterbuch verfasst haben. Auf der anderen Seite könnte man auch vermuten, dass das Wort Anfang des 20. Jahrhunderts, als die AIS-Erhebungen durchgeführt worden sind, noch für
GLETSCHER geläufig war, aber heutzutage nicht mehr bekannt ist. Unter den von uns befragten Personen waren auch Sprecher höheren Alters, die ebenfalls behaupteten, das Wort
marmolada in der Bedeutung 'Gletscher' nie gehört bzw. verwendet zu haben. Die erste Hypothese scheint also plausibler.
Carlo Tagliavini (1934): Il dialetto del Livinallongo. Saggio lessicale., Gleno-Bolzano, in: Istituto di Studi per l'Alto Adige
Jon Pult (1947): Die Bezeichnungen für Gletscher und Lawine in den Alpen, Samedan, Engadin Press