Die
Referenzwörterbücher von VerbaAlpina geben keine Auskunft über den hier behandelten morpho-lexikalischen Typ
vendúl (
m. roa). Nur im
LSI (5, 744) ist eine Variante dieses Typs unter
ventǘ in der Bedeutung 'Lawine' zu finden. Auch die Varianten dieses Worttyps, die im VerbaAlpina-Gebiet belegt sind, beziehen sich in erster Linie auf das Konzept
LAWINE (
vgl. Karte vendúl); allerdings geht aus anderen schriftlichen Quellen hervor, dass dieses Wort auch weitere Bedeutungen haben kann: So führen Pult und Hubschmid verschiedene Wörter auf, die in Verbindung mit 'Mulde' (u.a.
vandül im Verzascatal) oder 'Rinne' (u.a.
vandel im Tessin) stehen (
vgl. Pult 1947, 75
ff.;
Hubschmid 1950, 42
ff.). Ferner ist im Ladinischen (Gadertalischen) das Wort
bandl 'Wanne' (
Blad,
s.v. bandl) belegt. Die Verwendung desselben Begriffs zur Bezeichnung von LAWINE einerseits und MULDE andererseits lässt sich durch eine metonymische Beziehung des Typs "Gefäß – Inhalt" erklären.
Auch in der Toponomastik ist dieser Typus weit verbreitet: Der Ortsname
vandulo taucht im
Kanton Graubünden sowie auch in der
Italienischen Schweiz auf. Im bergamaskischen Gebiet kann man zum Beispiel eine "
via vandullo" finden. Im
Dizionario Toponomastico Trentino sind Ortsnamen wie
bochèt dei vandùi, vandùgola und viele weitere verzeichnet. Schließlich könnte der Ortsname
Vandoies (
deu. Vintl) im südtiroler Pustertal auch in Beziehung zu diesem Worttyp stehen. Ortsnamen des Typs
(la)oi(es) kommen in den Dolomiten in verschiedenen Varianten vor:
Oies in
Abtei,
Lavoi in
Colle Santa Lucia,
Laoi in
Rocca Pietore und bedeutet 'Schlamm' oder 'schlammiger Boden' (
vgl. Liotto/Anvidalfarei/Irsara 2014, 183;
vgl. Pallabazzer 1972, 49). Der Toponym
Vandoies, der sich aus
van und
Oies zusammensetzt, könnte 'Becken, mit Schlamm bedeckt' oder 'Wasserpfütze' bedeuten.
Jokl geht davon aus, dass der Typ etymologisch von
ine. *uendh- 'drehen' stammt (
vgl. Jokl 1945/1946, 203);
Pult 1947 bevorzugt
cel. vind- bzw.
vindos 'weiß'. Hubschmid ist von der lateinischen Herkunft überzeugt und sieht
lat. vannus 'Getreidewanne' als Etymon (
vgl. auch
Georges s.v. vannus). Hierzu merkt er an, dass es sich metaphorisch um eine Übertragung "vom Gegenstand auf das Gelände" handelt (
vgl. Hubschmid 1950, 74). Hubschmids Vorschlag scheint nicht nur aus lautlichen sondern auch aus semantischen Gründen die plausibelste Lösung zu sein (
s. auch den Kommentar zum Basistyp
vannus).
Lurà, Franco (Hrsg.) (2004): Lessico dialettale della Svizzera italana, Bellinzona, Centro di dialettologia e di etnografia
Jon Pult (1947): Die Bezeichnungen für Gletscher und Lawine in den Alpen, Samedan, Engadin Press
Hubschmid, Johannes (1950): Vorindogermanische und jüngere Wortschichten in den romanischen Mundarten der Ostalpen, Tübingen, in: Zeitschrift für romanische Philologie, vol. 66, Niemeyer, 1-94
LinkIstitut Cultural Ladin: Banca lessicala ladina, Vigo di Fassa
LinkLiotto, Silvia / Anvidalfarei, Paolo / Irsara, Elmar (2014): Raccolta, archiviazione e pubblicazione dei toponimi ladini della Val Badia, in: Ladinia , vol. XXXVIII
LinkPallabazzer, Vito (1972): I nomi di luogo dell'Alto Cordevole, Volume III, Parte V, Firenze, Leo Olschki
Norbert Jokl (1945/1946): Zur Frage der vorrömischen Bestandteile der alpinlombardischen und rätoromanischen Mundarten, in: Vox Romanica 8, 147-215
Georges, Heinrich (1913-1918): Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet, Hannover, Hahnsche Buchhandlung
LinkMaskulinum
Lessico dialettale della Svizzera italiana
vergleiche
folgende
lat. sub voce (
deu. unter dem Stichwort)
Latein (ISO 639-3)
Substantiv
Deutsch (ISO 639-3)
Deutsch (ISO 639-3)
Indogermanisch (ISO 639-3)
Keltisch (ISO 639-5)
Latein (ISO 639-3)
siehe