Die Bezeichnungen des Materials FELS (vgl.Karte) sind geradezu emblematisch für die historische Schichtung des alpinen Sprachraums (vgl.Stratigraphie und Tropaeum Alpium). Denn sie sind in sehr alten, durchweg vorlateinischen Schichten verwurzelt. Während sich keine Spur der generischen lat. Bezeichnung rūpes 'steile Felswand' (Georges, s.v.rūpes) findet, die sich in den romanischen Sprachen überhaupt nur in wenigen, zudem etymologisch unsicheren ostromanischen Kognaten erhalten zu haben scheint (vgl.REWOnline, 7451), sind etliche Typen unklarer Herkunft vertreten, die offenkundig aus Substratsprachen ins Lateinisch-Romanische und daraus anschließend womöglich ins Germanische entlehnt wurden.
Vorlateinisches Stratum
Verbreitet ist zunächst der aus der fra. und ita. Standardsprache bekannte Typ fr. roche / ita.rocca. Die Unsicherheit der Etymologisierung ist schon im REW offensichtlich. Dort wird eine Form *rocca rekonstruiert, die einerseits als 'lat.' klassifiziert wird und der andererseit jedoch "Ursprung unbekannt" attestiert wird (REWOnline, 7357); vgl. auch FEW, 10, 435-441).
Sodann gibt es einen schwer zu typisierenden Komplex ähnlicher Formen, der hier – in Anlehnung an den DRG zwei Basistypen zugeordnet werden, die sich regional komplementär verteilen; beide sind jedoch nicht scharf zu trennen, da auch mit Kreuzungen zu rechnen ist. Einer dieser beiden Basistypen wird auf vor.*klapp(a) zurückgeführt (vgl.DRG, s.v.crap). Dieser Ursprung erklärt auch den tessinischen Typ ciapp mit einer Palatalisierung, die den lokalen Entwicklungen der historischen Phonetik entspricht. Aus *klapp(a) ist – laut DRG bereits in vorrömischer Zeit – eine Variante krap entstanden (vgl. auch REWOnline, 4759 krapp-). Der Wechsel von [kl-] > [kr-] ist spontan leicht möglich und bedarf keiner besonderern Erklärung. DRG weist im zitierten Artikel jedoch daraufhin, dass womöglich mit Einfluss des zweiten Basistyps zu rechnen ist, der im DRG auf gripp / kripp- zurückgeführt wird (vgl.s.v.grip, vgl. auch REWOnline, 3863 grĕpp-). Meyer-Lübkes damit verbundene Frage "Woher?" ist immer noch offen. Kaum einzuordnen sind die Formen des Typs crepa, da es sich ebenso gut um Varianten von crap, also des ersten Basistyps, mit palatalisiertem [a] handeln kann wie um Varianten des zweiten Basistyps, die im Anlaut durch den ersten beinflusst wurden ([gr-] > [kr-]). Von den Grundformen wurden auch analoge Diminutive (crapella / cripel usw.) abgeleitet.
Ita.croda ist ein charakteristischer Typ der östlichen Dolomiten und des Friauls, dessen bedeutung in Boerio 1829, 166 als "luogo di monte dirupato" beschriebn wird. Laut DELI, 300, ist die herkunft des Worts "prob. di orig. preindeur." (vgl. auch Nuovo De Mauro, s.v.).
Ein weiterer regionaler Typ vor. Ursprungs ist bündnerrom., speziell engad. spelm (vgl.PG, s.v.spelm und HdR, 812).
In den Alpen weit verbreitet ist der ebenfalls vorlateinische Typs baum / balma (vgl.REW 912, s.v.< *balma); er bezeichnet speziell überhängende Felsen oder auch Felshöhlen, die als Unterstand für das Vieh genutzt wurden. Zum selben Basistyp rechnen wir bair. Palfen "groszer überhängender felsen, felsenhöhle" (DWB, s.v.Palfen, Balfen).
Lateinisches Stratum
Die lateinische 'Schicht' ist jedoch auch gut greifbar; sie zeigt sich u.a. in den Typen
sasso, unter dem Kognaten von lat.saxum bzw. der als Fem. Sing. fortgesetzten Pluralfom saxa (vgl.Georges, s.v.saxum) geführt werden;
pic / picco aus lat.*pīkkare 'stechen' (vgl.REW, 6495);
cret(e) aus lat. 2304. cratis 'Flechtwerk, Hürde' (vgl.Georges, s.v.cratis und REW2304). HINWEIS auf Lex.Komm. geben;
bündnerromanisch cuvel (DRG) und bairisch Kofel (DWB) aus lat.cubare 'liegen' (Georges, s.v.cubo).
Germanisches Stratum
Der auch in der deutschen Standardsprache vertretene Typ Fels (vgl.DWDS, s.v.Fels wurde wohl ins Bündnerrom. (außer Engadinisch) entlehnt; jedenfalls wird im DRGfelsa als Germanismus beschrieben. Immerhin sei festgehalten, dass die Herkunft des deu. Typs ebenfalls unklar ist; substratale Herkunft, die ja keineswegs im Widerspruch zur Entlehnung des bündnerromanischen Worts aus den alemannischen Dialekten stünde, ist daher nicht grundsätzlich auszuschließen.
Toponymie
In der Regel tauchen die Bezeichnungstypen des Konzepts FELS auch mehr oder weniger häufig in der Toponyme auf, teils in massiver regionaler Verdichtung wie z.B. cret(e) im Friaul, croda in den italienischen Dolmiten und im Friaul oder crap in Graubünden; vgl. exemplarisch www.ortsnamen.ch, mit 963 Belegen von crap.
Auch mit substratalem Erhalt der genannten Typen im heute deutsch- bzw. slowenischspachigen Gebiet ist zu rechnen, wie die
nahe beieinander gelegenen Bergnamen Krapfenkarspitze (zu crap?), Krepelschrofen (zu cripel?), Klaffen (zu *klappa und Krottenkopf (zu croda?) beispielhaft zeigen sollen:
In der Tatsache, dass nicht sehr weit von einander entfernte Bergnamen ('Oronyme') auf unterschiedliche Etyma bezogen werden, die jedoch dasselbe Konzept bezeichnen und als synonym erscheinen, könnte man ein Argument gegen die Erklärung aus dem vorlateinischen Substrat sehen. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass sich alte semantische Spezifizierungen verloren haben oder aber durch die wenig differenzierte Erhebung nicht erfasst wurden; es ist ja offenkundig, dass bei den Bezeichnungen ganz unterschiedliche semantische Motivationen zusammenkommen: die Form eins Bergs (z.B. còrna 'Horn'), topographische Auffälligkeiten (z.B. HÖHLE, ÜBERHANG), das Material (z.B. roche / rocca), die Nutzung (z.K. bündnerrom. cuvel, bair. Kofel aus lat.cubare 'liegen') usw.
Georges, Heinrich (1913-1918): Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet, Hannover, Hahnsche Buchhandlung