Die Verbreitung der Formen, die zu diesem Basistyp gehören, ist nicht leicht zu beurteilen. Denn auf das
lat. cellārium geht auch das standarddeutsche
Keller zurück, so dass sich die Frage erhebt, ob die alemannischen und bairischen Belege des Untersuchungsgebiet als Varianten zu sehen sind, die mit dem Standarddeutschen gekommen sind, oder ob man in ihnen Relikte des lateinisch-romanischen Substrats vermuten sollte. Für die Substraterklärung spricht zweifellos die Semantik, denn im germanischen Alpengebiet dominiert so wie im Romanischen die Bedeutung 'Milchraum, Raum/Häuschen zum Lagern von Milch und Käse' oder auch 'Hütte zur Verarbeitung von Milch'. Diese Bedeutung ist primär funktional, durch den Zweck, weniger architektonisch definiert und entspricht daher viel eher der klassischlateinischen Bedeutung von
cellārium, nämlich
'Speisekammer, Vorratskammer' als der Bedeutung 'Untergeschoss' des standarddeutschen
Keller. Auch italienisch
cellaio bezeichnet eher den Vorratsraum; das 'Untergeschoss' wird dagegen
cantina genannt. Die romanischen Belege zeigen also eine ethnographisch naheliegende, leichte semantische Spezialisierung. Auch die Bedeutungsentwicklung von 'Vorratsraum' zu 'Keller' ist sehr plausibel, speziell im Fall von Wein, der gern im Keller gelagert wird. Sehr unwahrscheinlich ist dagegen die Rückentwicklung von
deu. Keller zu 'Vorratsraum für Milch und Käse', d.h. genau zur mutmaßlich schon alten Bedeutung der benachbarten romanischen Formen.
Allerdings ist die Phonetik der alemannischen und bairischen Formen schwierig, da sie keinen Reflex der romanischen Palatalisierung des initialen [k-] zeigen. Dieses Problem stellt sich jedoch nicht nur für den süddeutschen, sondern für den gesamten frühen lateinisch-romanisch/deutschen Entlehnungsraum, wie das Nebeneinander der verschobenen (
deu. Zwiebel <
lat. *
cēpŭlla;
REW, 1820
s.v. cēpŭlla) und unverschobenen Formen (
deu. Kiste <
lat. cĭsta 'Korb',
deu. Wicke <
lat. vĭcia) zeigt. Man beachte in diesem Zusammenhang auch den Flussnamen
deu. Neckar <
lat. Nicer (
vgl. RE,
XVII,1 und
dKP 4, 88), ohne jede Palatalisierung. Dieser Name wurde mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vor 260-280 n.Chr. entlehnt, da die rechtsrheinischen Gebiete der
Germania superior, einschließlich des gesamten
Neckarlaufs in dieser Zeit aufgegeben wurden; es ergibt sich damit also ein
terminus post quem für die Palatalisierung im nordalpinen Imperium oder, vorsichtiger gesagt, für ihre generelle Durchsetzung. Denn angesichts des grundsätzlich hohen Alters der romanischen Palatalisierung ist es nicht überzeugend, hier nur mit dem Zeitpunkt der Entlehnung zu argumentieren. Vielmehr sollte man damit rechnen, dass unverschobene, konservative und verschobene, innovative Varianten über einen langen Zeitraum im Frühromanischen nebeneinander bestanden. Man beachte, dass sich der Plosiv ja keineswegs nur im früh romanisierten, isolierten und recht weit entfernten Sardisch erhalten hat (
vgl. die bekannten Beispiele wie
srd. kentu 'hundert' \
lat. centu[m] usw.), sondern auch im Dalmatischen existiert zu haben scheint – in diesem Fall ist die Entfernung zum Alpenromanischen nicht mehr sehr groß (
vgl. dalmatisch
kapula <
lat. *
cēpŭlla;
REW, 1820
s.v. cēpŭlla)
Ziegler, Konrat/ Sontheimer, Walther (1979): Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. 5 Bände, München, Dt. Taschenbuch-Verlag