Das Etymon des Basistyps
crama ist gallischen Ursprungs. Der erste Beleg findet sich im 6. Jahrhundert bei Venantius Fortunatus (
s.u.), danach taucht es wieder im 9. und 10. Jahrhundert in einer Glosse und medizinischen Rezepten auf. In primärer Bedeutung bezeichnet dieser Basistyp das Konzept
RAHM. Interessant ist die Wortgeschichte der französischen Kognaten: Im
fro. findet sich die erwartbare Form
craime ‘crême du lait’. Im Mittelfranzösischen ist jedoch seit dem 13. Jahrhundert die Form
cresme ‘la partie la plus épaisse du lait, qui s'élève à la surface quand on le laisse reposer, et dont on faire le beurre’ belegt (
vgl. FEW 2, 1271, 1272,
s.v. crama). Das
s dieser Form, dessen letzter Reflex sich in der Schreibung
ê der französischen Standardorthographie (
crême) findet, ist erklärungsbedürftig. Es lässt sich aus einer Kreuzung mit dem Kirchenwort
chrisma ‘Salbung, Ölung’ aus
grc. χρῖσμα gut erklären. Im Neufranzösischen hat sich dann die Form
crème etabliert, welche wiederum als
crema ins Italienische entlehnt wurde (
vgl. DELI 1: 295). Der Basistyp
crama wurde dagegen vor allem im Piemontesischen, Lombardischen und Rätoromanischen fortgeführt, wenn auch mit der Sonorisierung des Anlaut
cr- >
gr- ersetzt, wie etwa in
roh. (surselvisch)
groma /
roh. (engadinisch)
gramma (
vgl. HWdR, 381;
DRG, 7, 687,
s.v. gramma).
Der lexikalische Typ
deu. Rahm wird hier ebenfalls zum Basistyp
crama gestellt; es wird also auf Grundlage der alpinen Sprachkontaktverhältnisse eine neue Ableitung vorgeschlagen. Im
Kluge 2011,
s.v. Rahm wird die Wortgeschichte aus indogermanistischer Sicht folgendermaßen skizziert:
"
Rahm S[.]m ‛Sahne’
std. (11.
Jh.),
mhd. roum,
mndd. rōm(e)[.] Aus
wg. *rauma- m. ‛Rahm’, auch in
ae.rēam; im Ablaut dazu
anord. rjúmi. Falls von
*raugma- auszugehen ist, vergleicht sich
avest. raoγna- n.,
raoγniiā- f. ‛Butter’. Weitere Herkunft unklar. Die neuhochdeutsche Form beruht auf einer Mundart, die
mhd. ou zu
ā entwickelt hat. Wo
Rahm gegen
Sahne semantisch differenziert wird, bezieht es sich eher auf den sauren Rahm. Präfixableitung:
entrahmen; Partikelableitung:
abrahmen. Ebenso
nndl. room." (
Kluge 2011, online
s.v. Rahm 1)
In diesem Ansatz werden die dialektalen Verhältnisse ausgeblendet; es muss jedoch berücksichtigt werden, dass im romanischen Alpenraum, und zwar unmittelbar südlich der germanisch-romanischen Sprachgrenze, der Typ
fra. crème / ita. crema weit verbreitet ist (
vgl. Karte crama).
Die zugehörigen phonetischen Typen mit den Tonvokalvarianten [æ], [e], [o] und [a] führen ganz selbstverständlich auf eine gemeinsame Ausgangsform [a] zurück, denn die Hebung von betontem /a/ > [e] bzw. > [æ] in offener Silbe und die Rundung /a/ > [o] vor Labial sind vollkommen unauffällig. Es ergibt sich somit ein Basistyp
crama, der ursprünglich wohl aus dem Gallischen (d.h. aus dem Keltischen) stammt (
vgl. FEW 2, 1271-1274,
s.v. crama); das Wort ist übrigens bei
Venantius Fortunatus (*540-600/610) belegt, der in Valdobbiadene, d.h. am südöstlichen Alpenrand nördlich von Treviso geboren wurde. Es wäre nun wenig plausibel, das gemeinsame Areal der synonymen Typen von
deu. Rahm und
roa. crama aus einem zufälligen Zusammentreffen zu erklären. Vielmehr sollte der deutsche zum selben gallo-romanischen Basistyp geschlagen werden.
Die Reduktion des Anlauts
lat.-
roa. [kr-] >
deu. [r-] ist im Zusammenhang damit zu sehen, dass "im d.
h- vor Konsonant im 9. jh. schwindet" (
FEW 16, 249,
s.v. *hrokk), wie zahlreiche analoge Formen belegen. In der frühen Zeit des germanisch-romanischen Sprachkontakts muss die Variante [hr-] noch existiert haben, denn
fra. froc 'Kutte' kann nicht auf althochdeutsch
roc, sondern nur auf
hroc mit Substitution des laryngalen durch den labiodentalen Frikativ zurückgehen. So auch Kluge:
"
Rock[.]
Sm std. (9.
Jh.),
mhd. roc, rok,
ahd. (h)roc,
as. rok [.] Aus
wg. *rukka- m. ‛Rock’, auch
af. rokk. Außergermanisch vergleicht sich
air. rucht ‛Tunika’,
kymr. rhuchen ‛Mantel’. Alles weitere ist unklar. Es besteht auch eine Variante mit Anlaut
hr- in
ahd. hroc,
as. hroc,
afr. hrokk, die vermutlich über das Französische zu
Frack (
vgl. Kluge 2011, online,
s.v. Frack) geführt hat. Ebenso
nndl. rok." (
Kluge 2011, online,
s.v. Rock).
Ebenso erklärt sich das Nebeneinander von
eng. horse neben
deu. Ross g. *hrussa (
vgl. Kluge 2011,
s.v. Ross) und
deu. röcheln neben
nisl. hrygla ‛Rasseln in der Kehle’,
lav. kraũkât ‛husten, Schleim auswerfen’
ine. *kruk- ‛schnarchen, röcheln, grunzen’ (
vgl. Kluge 2011,
s.v. röcheln und ähnlich).
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Bernardi, Rut/Decurtinis, Alexi/Eichenhofer, Wolfgang/Saluz, Ursina/Vögeli, Moritz (1994): Handwörterbuch des Rätoromanischen, Zürich, vol. 1-3, Offizin
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